Archiv 2007
28.6. Donnerstag
Eröffnungsfilm
TRIBUTE TO JERRY LEWIS: Artists and Models
US 1955. Regie: Frank Tashlin. Mit Dean Martin, Jerry Lewis, Shirley MacLaine, Eva Gabor, Anita Ekberg. 109 min. OF
Hollywood-Pop-Art. Jerry hat Alpträume von Vincent, dem Falken, der Vampirlady und dem Rattenmann. Dean, sein Zimmergenosse, macht blutrünstige Comicbooks für Kinder daraus. Bald schalten Elternvereine und besorgte Pädagogen sich ein, um der Verblödung der amerikanischen Jugend umgehend Einhalt zu gebieten, bis, kurz vor der Zielgeraden, noch Miss Gabor als extra kurvige Ost-Spionin auftaucht und den zwei Freunden, die sie im Besitz einer Geheimformel wähnt, den Kopf verdreht. Definitiv einziger Meilenstein im Genre der hysterischen Cold-War-Paranoia-Slapstick-Musical-Comedy. Da bleibt kein Auge trocken, Kängurugelöbnis!
29.6. Freitag
ATTACK!: If....
UK 1968. Regie: Lindsay Anderson. Mit Malcolm McDowell, David Wood, Richard Warwick, Christine Noonan. 111 min. OF
Klassenverhältnisse. Mick und Johnny, zwei hübsche Burschen aus bescheidenem Milieu, die unter dem unmenschlichen Drill ihrer schnöseligen Kommilitonen leiden und zudem noch deren Annäherungsversuche widerspruchslos ertragen müssen, proben den Aufstand und reißen vom College aus. Die anarchische Phantasie, die If.... entwirft, lädt Regisseur Anderson, erster Verfechter des Free Cinema, mit Bildern auf, deren Radikalität bis heute verstört: Die nicht mehr ganz junge Frau des Direktors läuft nackt durch die Schlafräume, ein Kaplan entsteigt als Deus ex Machina einer Schranklade und bei dem Festgottesdienst am Ende brechen offene Kampfhandlungen los.
30.6. Samstag
The Merry Widow
US 1934. Regie: Ernst Lubitsch. Mit Maurice Chevalier, Jeanette MacDonald, Edward Everett Horton, Herman Bing. 99 min. OF
Marshovia steht vor dem Bankrott, seit die wichtigste Steuerzahlerin des winzigkleinen Königreichs einfach nach Paris verzogen ist. Maurice Chevalier als Hauptmann der Garde und Schwarm aller Frauen wird ausgeschickt, um die steinreiche Titelheldin zur baldigen Heimkehr zu bewegen: nötigenfalls durch Heirat. Lubitschs brillante Filmoperette nimmt Lehárs lästige, äh, lustige Witwe auf hinterfotzige Weise ernst, weshalb zum Happy End auch noch die schmerzliche Erkenntnis hinzukommt: „Ein Mann, der mit Hunderten von Frauen durchs Leben tanzen kann und sich für eine entscheidet, hat Strafe verdient.“
1.7. Sonntag
Notorious
US 1946. Regie: Alfred Hitchcock. Mit Cary Grant, Ingrid Bergman, Claude Rains, Louis Calhern, Leopoldine Konstantin. 101 min. OF
Ein berüchtigter Spionagethriller, dessen hochkomplexe Geschichte rund um eine Gruppe ehemaliger Nazis, die sich in Florida auf Uranschmuggel verlegt haben, Mr. Hitchcock wie folgt auf den Punkt bringt: „Cary Grants Aufgabe besteht darin, Ingrid Bergman zu Claude Rains ins Bett zu treiben.“ Erst im letzten Moment kneist der FBI-Agent, dass er in seine Informantin verliebt ist, diese von ihrem Schwiegermuttersöhnchenehemann aber längst enttarnt und auf eine tödliche Arsen-Diät gesetzt worden ist. Suspense, suspense.
2.7. Montag
Dans Paris
F 2006. Regie: Christophe Honoré. Mit Romain Duris, Louis Garrel, Joana Preiss, Guy Marchand. 92 min. OmeU
Zwei junge Männer und eine Frau liegen im Bett. Da steht einer auf und deklariert sich als Erzähler: Der andere, sein Bruder, sei wahrer Held dieser Geschichte. Aus einer menage à trois wird ein Bruderdrama: So beginnt Christophe Honorés großartig besetzte, charmante Tragikomödie vom leichtlebigen und vom depressiven Sohn, ein abwechselnd übermütig-spielerisches und nachdenklich-tiefgründiges Familien-Kammerspiel, dessen Musikalität und stilistische Originalität auf die Blütezeit der Nouvelle Vague verweist (so wie das feine Paris-Porträt im Hintergrund). Von den Kino-Kennern der Zeitschrift „Les Inrockuptibles“ zum besten Film 2006 gewählt.
3.7. Dienstag
Laura
US 1944. Regie: Otto Preminger. Mit Gene Tierney, Dana Andrews, Clifton Webb, Vincent Price, Judith Anderson. 88 min. OF
Böse funkelnder, labyrinthischer Film Noir. Der Detektiv und die Femme fatale. Detektiv Dana Andrews verliebt sich in ein Bild – in das Porträt Tierneys, jener Laura Hunt, deren Ermordung er im Auftrag ihres eitlen Gönners Webb („Laura considered me the wisest, the wittiest, the most interesting man she’d ever met. I was in complete accord with her.“) aufklären soll – und die plötzlich leibhaftig hinter ihm in der Türe steht. Alles nur ein Traum? Ja, nein, weiß nicht. Zutreffendes bitte ankreuzen!
4.7. Mittwoch
ATTACK!: The Mouse that Roared
UK 1959. Regie: Jack Arnold.
Mit Peter Sellers, Jean Seberg, David Kossoff, Leo McKern. 83 min. OF
Oh, what a funny war! Ein bankrotter Zwergenstaat erklärt Amerika den Krieg: um ihn zu verlieren und anschließend Marshall-Plan-Gelder abzukassieren. Weder die Erzherzogin, noch ihr Premierminister, noch gar der Armeechef (Peter Sellers, in einer Dreifachrolle!) rechnet im Mindesten damit, dass Grand Fenwick eventuell als Sieger aus dem Konflikt hervorgehen könnte! Mit britischem Understatement, ganz im Stile der Ealing-Comedies geführte Attacke auf die Lachmuskeln. Echt gespenstischer Höhepunkt: der Triumphzug der lächerlichen Zehn-Mann-Armee durch ein menschenleeres New York.
5.7. Donnerstag
Rock'n Roll Never Dies
Fin 2006. Regie: Juha Koiranen. Mit Samuli Edelmann, Laura Birn, Marjukka Halttunen, Seppo Halttunen, Ilkka Koivula. 131 min. OmeU
Er heißt Tiger. Er ist 40. Er lebt bei den Eltern, schläft mit seiner selbstgemachten Gitarre und träumt von der Rock-Karriere. Im Abendschulkurs für Kreatives Schreiben will er leiwande Liedtexte verfassen lernen: Sie erzählen in bittersüß-komischen Rückblenden seine Autobiografie. Schließlich holt ihn sein Jugendfreund Jack Nevada zur Band-Reunion nach Helsinki – aber dort gilt es den Versuchungen von Drogen und Kommerz zu widerstehen! Klassische Rock-Songs liefern Rückhalt, witzige Musik-Anspielungen sind freigiebig verstreut: ein ehrlicher Film über einen ehrlichen Rocker.
6.7. Freitag
Dance of the Vampires
UK/US 1967. Regie: Roman Polanski. Mit Jack MacGowran, Roman Polanski, Sharon Tate, Alfie Bass. 108 min. OmU
Sex und Psychoanalyse sind Hauptingredienzien von Polanskis gewitzter Variation aufs Vampirfilmgenre (ursprünglicher Titel: The Fearless Vampire Killers or: Pardon Me, But Your Teeth Are in My Neck). Ein zauseliger Fledermausforscher, der ausschaut wie Albert Einstein, geht in den tief verschneiten Südkarpaten auf Vampirjagd. Sein treuer Gehilfe Alfred, der ihm von einem Malheur ins andere nachstolpert, wird vom Regisseur selbst gespielt: „Ich wollte eine Geschichte erzählen, die ein bisschen romantisch, ein bisschen seltsam sein und dabei Angst machen sollte.“
7.7. Samstag
Oldboy
Südkorea 2003. Regie: Park Chan-wook. Mit Choi Min-sik, Yu Ji-tae, Kang Hye-jeong, Ji Dae-han. 118 min. OmU
Willkommen in der Hölle: Ein koreanischer Mittelstandsbürger, eben noch sturzbetrunken auf der Straße, erwacht in einem Hotelzimmer ohne Fenster, aber mit Fernsehen – und wird dort, scheinbar grundlos, 15 Jahre lang von Unbekannten festgehalten. Nach der Freilassung ist er nicht mehr zu stoppen: Er verschlingt einen lebenden Tintenfisch und macht sich auf die Suche nach seinen Peinigern. In Cannes preisgekröntes, barockes Kamikaze-Kino von Park Chan-wook: Eine formal faszinierend ungewöhnliche Comic-Verfilmung als wildes, labyrinthisches Breitwand-Rachedrama aus originell stilisierter Gewalt und pervertierter griechischer Tragödie.
8.7. Sonntag
The Getaway
US 1972. Regie: Sam Peckinpah. Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Sally Struthers, Al Lettieri, Slim Pickens. 122 min. OF
Steve McQueen und Ali MacGraw als Gangsterpärchen, das nach einem Bankraub von Polizei und korrupten Komplizen gejagt wird. Ihr Überlebenskampf in der feindlichen Welt: ein Ballett im Kugelhagel. Action-Genie und Montage-Meister Sam Peckinpah adaptierte souverän den Roman von Krimi-Meister Jim Thompson: Zwar ohne dessen unverfilmbar finsteren Schluss, aber es regiert jener desillusionierte Drive, der das beste Genre-Kino der frühen 1970er prägt. Kühl und cool wie der Soundtrack von Quincy Jones, mit einem großartigen Charakterkopf-Ensemble und voller überraschender Handlungs-Haken.
9.7. Montag
Le Voyage dans la lune
F 1902. Regie: Georges Méliès. Mit Victor André, Bleuette Bernon, Henri Delannoy. 5 min. stumm
Der Mann mit der Kamera
(Čevolek s kino-apparatom) UdSSR 1929. Regie: Dziga Vertov. 66 min. stumm
Kino der unbegrenzten Möglichkeiten, des ständigen Aufbruchs in die Zukunft. Georges Méliès, der erste Magier des Films, reist mit der Kamera bis auf den Mond. Dziga Vertov, der rasende Kinoreporter, erforscht die moderne Großstadt: filmt aus Erdlöchern unter der Eisenbahn, klettert auf Schornsteine, lässt sich beinahe von der Straßenbahn überrollen, dreht vom Flugzeug oder dem Motorrad aus. „Nichtspielfilme“ nannte er seine Arbeiten, bildgewaltige Symphonien, die dem Experiment näher sind als bloß Dokumentarischem.
10.7. Dienstag
ATTACK!: Auch Zwerge haben klein angefangen
BRD 1970. Regie: Werner Herzog. Mit Helmut Döring, Gerd Nickel, Gerhard März, Paul Glauer. 98 min. DF
Jacques Audiards mitreißend gespieltes und inszeniertes Remake des 70er-Kultfilms Buñuel und Beckett standen Pate bei Herzogs surrealem Filmpamphlet, in dem Insassen eines Erziehungsheimes gegen Gott, die Natur, die Autorität, gegen eh alles, revoltieren. Die zeitgenössische Kritik verstand diesen „Zwergenaufstand“ (sämtliche Darsteller sind extrem kleinwüchsig) als Schmähung der 68er-Revolte – die, im Film zumindest, an der Abwesenheit und dem Desinteresse eines probaten Gegners schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
11.7. Mittwoch
Roman Holiday
US 1953. Regie: William Wyler. Mit Audrey Hepburn, Gregory Peck, Eddie Albert. 118 min. OmfU
Eine bezaubernde Romanze. Sie, eine anmutige junge Frau, gibt sich als Touristin aus, er, ein amerikanischer Reporter, tut so, als wisse er nicht, dass sie eine entlaufene Prinzessin ist. Gemeinsam düsen sie einen Tag lang auf der Vespa durch die ewige Stadt, durchleben für beide unvergessliche Stunden, gaukeln sich weiter Schwindeleien vor – bis zum bitter süßen Unhappy End. Manchmal werden Märchen statt im Film eben nur im Leben wahr: Roman Holiday katapultierte Audrey Hepburn vom Sternchen zum Star.
12.7. Donnerstag
Big River
Japan/US 2005. Regie: Atsushi Funahashi. Mit Kavi Raz, Jô Odagiri, Chloe Snyder. 105 min. OmeU
In der Wüste Arizonas treffen sich ein japanischer Tramper mit Punk-Attitüde, der die Welt sehen will, ein pakistanischer Moslem, der seine Gattin aus den USA zurückholen möchte. Eine junge Frau aus dem Trailer-Park in der Nähe nimmt die beiden auf ihrem weiten Weg nach New York mit. Dies ist der Beginn einer schwierigen Freundschaft vor der gigantischen Kulisse des Grand Canyon und im Schatten des Patriot Act. Atsushi Funahashi hat sein an Jarmusch erinnerndes, empfindsames Road Movie als Metapher fürs heutige Amerika angelegt: „Wir brauchen mehr Filme, die einfache Weltbilder mit ihren oberflächlichen Gegensätzen unterlaufen und auf den Kopf stellen.“
13.7. Freitag
Infernal Affairs
HK 2002. Regie: Andrew Lau, Alan Mak. Mit Andy Lau, Toney Leung Chiu Wai, Anthony Wong, Eric Tsang, Kelly Chen, Sammi Cheng. 115 min. OmeU
Die überlegene Vorlage für Martin Scorseses Oscar-Sieger The Departed, ein virtuos konzipierter, mit schlanker Perfektion inszenierter Krimi-Hit mit Traumbesetzung, der seine clevere Grundidee mit heimtückischer Konsequenz durchspielt: Ein Gangster ist Spitzel bei der Polizei, ein Polizist ist Spitzel bei den Triaden. Es folgen trickreiche Manöver mit tödlichem Ausgang vor Hongkongs moderner Skyline: Die schnelle Information übers Handy ist in diesem doppelbödigen Nervenkrieg wichtiger und gefährlicher als jede Waffe. Und der Sieg schließlich bedeutet ewige Verdammnis.
14.7. Samstag
The Party
US 1968. Regie: Blake Edwards. Mit Peter Sellers, Claudine Longet, Marge Champion, Gavin MacLeod. 99 min. Omd/fU
Peter Sellers at his best! Als indischer Kleindarsteller namens Hrundi V. Bakshi verwandelt er hier mit ausgesucht buddhistischer Höflichkeit eine todschicke Hollywoodparty in ein schwer zugängliches Katastrophengebiet. Blake Edwards' grenzgenialer Kinospaß zeigt, was die amerikanische Komödie alles vom Zeichentrickfilm gelernt hat: Nur aufs Tempo, das Timing, die allmählich zu Chaos und völliger Zerstörung sich steigernde Bewegung kommt es an. "We have a saying in India..." – "Yes?" – "Yes." – "Well?" – "Well what?
15.7. Sonntag
Orfeu Negro
F/I/Brasilien 1958. Regie: Marcel Camus. Mit Breno Mello, Marpessa Dawn, Adhemar da Silva, Lourdes de Oliveira. 100 min. OmU
Orfeu Negro, die entmythologisierte Version der Geschichte von Orpheus und Eurydike, verdankt seinen Reiz dem Kontrast zwischen Tragödie und Tropenglut: Das traurigste Liebespaar der griechischen Antike findet sich in Person eines jungen Straßenbahners und seines Mädchens mitten in den Karneval von Rio versetzt. Marcel Camus, dem Neffen des Schriftstellers Albert Camus, der als Regieassistent von Luis Buñuel zum Kino fand, glückte mit dem Film ein Welterfolg. Schuld daran war nur der Bossa Nova, interpretiert von Antônio Carlos Jobim.
16.7. Montag
TRIBUTE TO JERRY LEWIS: Cinderfella
US 1960. Regie: Frank Tashlin. Mit Jerry Lewis, Judith Anderson, Ed Wynn, Anna Maria Alberghetti, Henry Silva. 91 min. OF
Das arme Waisenmädchen wird zum Waisenknaben, die gute Fee zu einem zwielichtigen Kobold: Cinderfella erzählt die „gegenderte“ Version des Märchens vom Aschenbrödel, ein Freudsches Melodram à la Jerry Lewis, der sich hier gegen Schwiegermutter Anderson und seine beiden mafiosen Halbbrüder durchsetzen muss. Auf dem großen Ball tritt, kurz vor Mitternacht, Count Basie mit Orchester auf – und dann fängt dieser böse, bunte Film auch noch wie die Hölle an zu swingen.
17.7. Dienstag
ATTACK!: Die dritte Generation
BRD 1979. Regie: Rainer Werner Fassbinder. Mit Volker Spengler, Bulle Ogier, Hanna Schygulla, Harry Baer, Udo Kier, Eddie Constantine. 111 min. DF
Einer der verblüffendsten Filme Fassbinders, eine beißende schwarze Komödie über eine Gruppe politisch Unzufriedener, die in den Untergrund geht und sich der dritten Terroristen-Generation anschließt. Die Entführung eines Industriemagnaten (Eddie Constantine!) scheitert schließlich an mangelnder Motivation und der den Möchtegern-Rebellen verborgenen Wahrheit: Um Repressalien zu rechtfertigen, steuert der Staat die „Revolution“. Unter der Komik lauern tiefste Traurigkeit und irritierte Resignation über eine verrückt gewordene Welt.
18.7. Mittwoch
Arabesque
US 1966. Regie: Stanley Donen. Mit Gregory Peck, Sophia Loren, Alan Badel, Kieron Moore, George Coulouris. 105 min. OmfU
Arabesque ist ein Film wie ein Delirium, von Anfang bis Ende voll kreiselnder, kippender, knallbunter Bilder: eine rotzfreche Hommage an Hitchcock, mit Gregory Peck als knorrigem Oxford-Professor für tote Sprachen und mit Sophia Loren, die sich in abenteuerlichen Be-, Ver- und vor allem Entkleidungen übt, während das Krimi-Verwirrspiel aus Doppelgängern, arabischen Politikern und Agenten feindlicher Geheimdienste von Minute zu Minute immer undurchschaubarer wird. Worum es in dem Film geht? Um die Kostüme von Christian Dior, die Musik von Henry Mancini, die Kamera von Christopher Challis, kurz: ums Kino selbst – und zwar in seiner verwirrendsten, vergnüglichsten, verführerischsten Form.
19.7. Donnerstag
Don
Indien 2006. Regie: Farhan Akhtar. Mit Shahrukh Khan, Priyanka Chopra, Arjun Rampal, Isha Koppikar, Om Puri. 179 min. OmeU
Ein fettes Remake eines der großen Bollywood-Klassiker der 1970er mit Superstar Shahrukh Khan in der damals von Superstar Amitabh Bachchan legendär verkörperten (Traum-) Doppelrolle: Als gewalttätiger, gewitzter und größenwahnsinniger Verbrecher-König Don – und als sein Doppelgänger Vijay, ein naiver Straßenmusikant, den die Polizei überredet, sich als Don auszugeben, um an dessen Drogenhandel-Hintermänner zu kommen. Ein archetypischer Bollywood-Mix aus herrlich absurdem Action-Spektakel, bombastischen Musiknummern und hemmungslosen Emotionen: Drei Stunden Intensitätskino.
20.7. Freitag
Casablanca
US 1942. Regie: Michael Curtiz. Mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Rains, Conrad Veidt. 104 min. OmU
Play it again (and again, and again)! Geschäftemacher und Flüchtlinge, Glücksritter und Säufer, Nazis und Widerstandskämpfer, sie alle landen früher oder später in Rick’s Café, dessen Besitzer, ein aus enttäuschter Liebe zynisch gewordener Amerikaner, fälschlich von sich behauptet: „I stick my neck out for nobody. I’m the only cause I’m interested in.“ Casablanca ist Hollywoods einziges Gesamtkunstwerk, ein perfektes Melodram im Dienste der Warner Brothers und der US-amerikanischen Demokratie. – Mit den Emigranten Peter Lorre, S.Z. Sakall, Ilka Grüning, Helmut Dantine, Curt Bois.
21.7. Samstag
Science of Sleep
F/I 2006. Regie: Michel Gondry. Mit Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Pierre Vaneck, Emma de Caunes. 105 min. OmU
Süßer, komischer Märchen-Surrealismus vom französischen Videoclip-Kultregisseur Michel Gondry, der hier seine schon öfter für Björk oder Daft Punk demonstrierte Liebe zur überbordenden Heimbastler-Fantasie in eine entzückend verzwickte Liebesgeschichte über einen jungen Mann mit überbordender Heimbastler-Fantasie packt: Der eben nach Paris gekommene Stéphane verliebt sich in seine ebenfalls eigensinnige, fast namensgleiche Nachbarin Stéphanie und flieht vor dem Alltag in private Traumwelten, deren garantiert handgemachter Zuckerwattewölkchen-Charme schier unwiderstehlich ist.
22.7. Sonntag
Le Mépris
F/I 1963. Regie: Jean-Luc Godard. Mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang. 105 min. OmU
Film über Film: ein kurzer Film über die Liebe und eine Liebeserklärung ans große Kino. Elementarfarben, dunkles blau, knallendes rot und tödliches gelb, dominieren, zitiert werden Hölderlin und Dean Martin, Brecht und Rossellini. Ansonsten redet ein jeder am anderen vorbei: Der Autor spricht nicht englisch, der Produzent kein französisch – einzig Fritz Lang, „das Gewissen des Films, seine Ehrlichkeit“, beherrscht alle Sprachen, die am Set von Le Mépris gesprochen werden.
23.7. Montag
Der Feuerwehrball / Hoří, má panenko
ČSSR/I 1967. Regie: Milos Forman. Mit Jan Stöckl, Josef Sebánek, Josef Svět, Milada Ježková, Jan Stöckl, Frantisek Svet. 71 min. OmeU
Eine mit Laiendarstellern improvisierte Provinzfestposse, in der zunächst Stück um Stück alle Tombolapreise abhanden kommen und schließlich auch noch die acht Kandidatinnen eines hochnotpeinlichen Schönheitswettbewerbs zur Wahl der neuen „Miss Feuerwehr“ antreten. Skurriler als diese Geschichte allerdings ist die Karriere, die Formans grandioser Film in der Tschechoslowakei machte: Er wurde verboten, freigegeben, erneut verboten, für den Oscar nominiert und bis 1989 im Giftschrank weggesperrt.
24.7. Dienstag
ATTACK!: Duck Soup
US 1933. Regie: Leo McCarey. Mit Groucho, Harpo, Chico, Zeppo Marx. 70 min. OmU
„Der Kriegsfilm“, das Meisterwerk der Gebrüder Marx. Groucho alias Rufus T. Firefly ergreift im Staate Freedonia (Land of the Spree and Home of the Knave) die Macht. Chico und Harpo sind feindliche Spione des Nachbarstaates Sylvanien. Chico wird allerdings von Groucho sofort als Verteidigungsminister eingesetzt. Zeppo gibt einen trotteligen Tenor, die stoische Margaret Dumont eine Witwe, auf deren Vermögen es Rufus abgesehen hat: „Wollen Sie mich heiraten? Hat er Ihnen Geld hinterlassen? Beantworten Sie die zweite Frage zuerst!“
25.7. Mittwoch
Il gattopardo
I/F 1963. Regie: Luchino Visconti.
Mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale, Alain Delon, Serge Reggiani. 185 min. OmeU
Viscontis episch gestimmter Abgesang auf die Herrschaft der italienischen Aristokratie, deren Ende sich nach der Landung von Garibaldi und seinen revolutionären Freischärlern auf Sizilien unaufhaltsam nähert. „Wir waren die Leoparden, die Löwen, die Adler“, ahnt Don Fabrizio, der Fürst von Salina, das neue Zeitalter der bürgerlichen Mittelmäßigkeit voraus: „Unseren Platz werden Schafe, Hyänen und Schakale einnehmen.“ – Schlicht unvergleichlich, dieser Totentanz, in dem noch einmal die ganze Pracht, die ganze Macht des Kinos sich entfaltet.
26.7. Donnerstag
Linda Linda Linda
Japan 2005. Regie: Nobuhiro Yamashita. Mit Bae Doo-na, Aki Maeda, Yu Kashii, Shiori Sekine, Takayo Mimura. 114 min. OmeU
Für den Musikwettbewerb zum Schulabschlussfest benötigt ein Mädchen-Quartett noch dringend die Sängerin: Die Rettung kommt in Form einer koreanischen Austauschstudentin, die kein Wort japanisch kann – was auch nicht unbedingt entscheidend ist, wenn man den von Herzen kommenden Drei-Akkorde-Punk der (in Japan) legendären 80er-Band Blue Hearts spielt. Eine makellose kleine Genre-Perle, die den Konventionen des Teenager-Films mit erwachsener Intelligenz zu Leibe rückt, ohne dabei an jugendlicher Frische zu verlieren – und dabei glücklich macht wie ein guter Pop-Song. Bonus-Glück: ein unfassbarer Moment mit den Ramones.
27.7. Freitag
Uzumaki
Japan 2000. Regie: Higuchinsky. Mit Eriko Hatsune, Fhi Fan, Hinako Saeki, Ren Osugi. 90 min. OmU
Schneckenhäuser, Waschmaschinen, Frisurenknäuel als Objekte einer Obsession: Die Einwohner einer Stadt geraten in den Bann einer pathologischen Faszination für alles, was die Form einer Spirale aufweist – und geraten daraufhin geistig wie körperlich außer Kontrolle. Eine kongeniale, atmosphärisch außerordentliche Adaption eines surrealen Manga-Comics des erfolgreichen Zeichners Junji Ito (im Film übrigens kurz auf einem „Wanted“-Poster zu sehen): Ein Schreckensbild in fahlen Farben und wüsten Winkeln, auf die auch Tim Burton stolz wäre, dazu eine virtuos arrangierte Gänsehaut-Tonspur, die ständig von der Anwesenheit des Unheimlichen kündet.
28.7. Samstag
ATTACK!: The Mask
US 1994. Regie: Chuck Russell. Mit Jim Carrey, Cameron Diaz, Richard Jeni, Peter Riegert, Peter Greene. 97 min. Omd/fU
Jim Carrey als ungeschickter Bankangestellter mit dem wunderbaren Namen Stanley Ipkiss, der durch den Fund einer geheimnisvollen Maske zu einer Art Comic-Held wird. Eine furiose Mischung aus moderner Technologie und Slapstick-Genie: Carrey tanzt und verbiegt sich – wortwörtlich ein Gummimensch – durch haarsträubende Abenteuer, die ihm nebenbei die Zuneigung eines singenden Gangsterliebchens eintragen, gespielt von einer Debütantin namens Cameron Diaz. Dazwischen würdigt er die allerbesten Satire-Vorbilder Hollywoods: Jerry Lewis, die Genie-Cartoons von Tex Avery und Joe Dantes Gremlins.
29.7. Sonntag
Andrej Rubljov
UdSSR 1966/69. Regie: Andrej Tarkovskij. Mit Anatolij Solonicyn, Ivan Lapikov, Irma Rauš, Nikolaj Grinko. 182 min. OmU
Die perfekte Antithese zu Hollywoods illustrierten Künstlerbiografien: Ein „kritisches Sittenbild“ des Lebens im Russland des Mittelalters und des bedeutendsten Ikonenmalers jener Epoche, genannt Rubljow, den die Umstände der Tartarenzeit dazu zwingen, einen Menschen zu töten. In ausgedehnten Plansequenzen und hartem Schwarzweiß gedreht, verhandelt Tarkowskijs monumentaler Film existenzielle Fragen der Moral wie der Kunst; Rubljows berühmtestes Werk, die „Troitsa“ (Dreieinigkeit), entstand aus Schmutz, Blut, Hoffnungslosigkeit.
30.7. Montag
Professione: Reporter
F/I 1975. Regie: Michelangelo Antonioni. Mit Jack Nicholson, Maria Schneider, Jenny Runacre, Ian Hendry, Steven Berkoff. 126 min. engl. OmfU
Das Meisterwerk von Michelangelo Antonioni, ein Film über die Macht der Erinnerung und der Bilder im Gewand eines Thrillers: Jack Nicholson als mit seinem Leben unzufriedener Journalist, der sich in Afrika die Identität eines toten Waffenhändlers aneignet, und auf den Spuren von dessen Terminkalender durch Europa reist. Seine Route ist geheimnisvoll gewunden, wie die Gaudi-Schnörkel, vor denen er in Spanien eine junge Architektur-Studentin kennen lernt, die ihn begleiten wird bis zum fatalen Ende – das in einem der legendärsten Kameramanöver des Kinos choreografiert ist.
31.7. Dienstag
TRIBUTE TO JERRY LEWIS: The Disorderly Orderly
US 1964. Regie: Frank Tashlin. Mit Jerry Lewis, Glenda Farrell, Susan Oliver, Everett Sloane, Kathleen Freeman. 90 min. OF
The Disoderly Orderly rangiert auf Platz 1 der nach oben hin offenen Schmerzenskala der Jerry-Lewis-Filme. Jerome, der Krankenpfleger einer Nervenheilanstalt, erleidet ständige Höllenqualen. Erstens hat er schwer mit der schmallippigen Oberschwester Freeman zu kämpfen, dann lässt ihn ein psychischer Defekt jedes Wehwehchen seiner Patienten am eigenen Leib erfahren, was reihenweise Gags voll surrealer Körperkomik provoziert. Wie den mit der Mumie: Ein von Kopf bis Fuß bandagierter, von Jerome „versorgter“ Patient, rollt im Park der Klinik eine Wiese hinunter und zerschellt am Fuß des Hangs – in Nichts.
1.8. Mittwoch
The Third Man
UK 1949. Regie: Carol Reed. Mit Joseph Cotten, Alida Valli, Orson Welles, Trevor Howard. 104 min. OF
Viennoir. Eigentlich ist alles immer schon passiert, wenn Holly Martin die Szene betritt, ein amerikanischer Kriminalautor, der sich im zerstörten Nachkriegswien auf die Suche nach seinem Jugendfreund, einem gewissen Harry Lime, macht: der Freund schon tot, die Polizei schon da, der Zeuge schon ermordet, die Frau schon vergeben. The Third Man, ein britischer Klassiker aus Wien, inklusive „Ruinenlandschaft und Elendsästhetik, mit Zithergeklimper und dem unheimlichen Riesenbabykopf des Orson Welles, wurde einer der wirklich großen europäischen Nachkriegsfilme“ (Jean Améry).
2.8. Donnerstag
WWW - What a Wonderful World
Marokko 2007. Regie: Faouzi Bensaïdi. Mit Faouzi Bensaïdi, Nezha Rahile, Fatima Attif. 99 min. Omd/fU
Das moderne Casablanca, eine Stadt voller Gegensätze, ist der realistische, vibrierende Hintergrund für diesen kühnen, visuell aufregenden und gewitzten Genre-Mix vom talentierten Marokkaner Faouzi Bensaïdi: Er selbst spielt auch die Hauptrolle – einen stoischen Auftragskiller, der sich in eine Stimme verliebt und auf die Suche nach dem dazugehörigen Körper macht. Beides gehört zu einer Verkehrspolizistin, die den Vehikelfluss auf einer der befahrensten Kreuzungen Casablancas dirigiert wie ein Sinfonie-Orchester. Als ein Hacker dem Killer auf die Spuren kommt, gerät der in Schwierigkeiten . . .
3.8. Freitag
Stranger than Paradise
US 1984. Regie: Jim Jarmusch. Mit John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark, Tom DiCillo, Sara Driver. 90 min. OmU
„Aaah, I can't remember the joke – but it's good!“ Jim Jarmuschs Klassiker, die Definition von originellem, coolem Kino, Stand 1984 – folglich einer der einflussreichsten Filme seiner Zeit. Ungarischer Besuch im Big Apple, im schäbigen kleinen Apartment eines widerwilligen Cousins, dann zwei Reisen – ins Ödland um Cleveland und ins sonnige Florida (außerhalb der Saison). Recht depressiv eigentlich, dabei unwiderstehlich komisch dank des absurden Understatements der Protagonisten und der pointierten Inszenierung: Kurze, statische Einstellungen, der Rhythmus der Heimatlosigkeit für die Prisoners of Life.
4.8. Samstag
Dog Day Afternoon
US 1975. Regie: Sidney Lumet. Mit Al Pacino, John Cazale, Charles Durning, James Broderick, Chris Sarandon, Sully Boyar. 124 min. Omd/fU
Um seinem Freund die Geschlechtsumwandlung zu finanzieren, überfällt Sonny mit zwei Kumpels eine Bank. Als das unbedarfte Trio entdeckt wird, schreitet es zur Geiselnahme – und wird zwei siedendheiße Sommertage lang von Polizei und Medien belagert. Eine absurde, aber wahre Geschichte war Ausgangspunkt für diesen schillernden, spannenden, tragikomischen Höhepunkt des ausklingenden, aufregenden „New Hollywood“-Kinos der 70er: Eine der besten Rollen von Al Pacino, einer der besten Thriller von Genre-Spezialist Sidney Lumet, und einer der besten Filme aus und über New York.
5.8. Sonntag
La dolce vita
I/F 1960. Regie: Federico Fellini. Mit Marcello Mastroianni, Anita Ekberg, Lex Barker, Anouk Aimée. 174 min. OmeU
Die mondäne Welt der römischen Aristokratie, der Künstler und Filmstars spiegelt sich in den Erlebnissen des Klatschkolumnisten Marcello und seines Fotografen Paparazzo in all ihrer luxuriösen Leere wider. Für das Kino ist La dolce vita dasselbe wie Hamlet für die Literatur, ein unerschöpflicher Zitatenfundus – von der über die Dächer der Stadt hinweg fliegenden Christusstatue über die nachts im Fontana di Trevi planschende Sexbombe bis zur Schöpfung des Worts vom „süßen Leben“ und des Berufsstands der Paparazzi.
6.8. Montag
ATTACK!: TRIBUTE TO JERRY LEWIS: The Nutty Professor
US 1963. Regie: Jerry Lewis. Mit Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Buddy Lester, Kathleen Freeman. 107 min. OF
Dr. Jekyll und Mr. Hyde heißen hier Dr. Kelp und Buddy Love. Zwischen äußerster Entspannung und absoluter Kontraktion balancierend, halb Tag, halb Nacht, spielt Jerry in der monströsen Doppelrolle als weltfremder Professor und skrupelloser Frauenheld den ganzen Irrsinn der früheren Martin-&-Lewis-Filme noch einmal alleine durch. The Nutty Professor redefiniert die Komödie als Form von autopsychotherapeutischem Exorzismus neu: zum Heulen komisch, zum Brüllen traurig.
7.8. Dienstag
Dilwale Dulhania Le Jayenge
Indien 1995. Regie: Aditya Chopra. Mit Shahrukh Khan, Kajol, Amrish Puri, Farida Jalal. 189 min. OmeU
Eine Liebesgeschichte zwischen den Abkömmlingen in London lebender indischer Immigranten: Der reiche, unbekümmerte Raj verliebt sich auf den ersten Blick in ein Mädchen aus traditionsbewusster Familie, sie ist aber schon einem Daheimgebliebenen versprochen. Also folgt ihr Raj nach Indien und mischt sich listig in die Hochzeitsvorbereitungen ein, um sie zu gewinnen. Aditya Chopras prägendes Mega-Melodram machte aus Shahrukh Khan und Kajol das Star-Paar Bollywoods – und ist der populärste Film des indischen Kinos: Über 500 (!) Wochen lief die Tragikomödie ohne Unterbrechung im selben Kino in Mumbai. Ein moderner Klassiker.
8.8. Mittwoch
Volver
E 2006. Regie: Pedro Almodóvar. Mit Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo, Yohana Cobo, Chus Lampreave. 121 min. OmU
Volver – eine mehrfache Rückkehr: Regisseur Pedro Almodóvar kehrt in seine Heimat um La Mancha zurück, seine einstige Stammschauspielerin Carmen Maura kehrt nach Jahren der Trennung in einer großen Altersrolle zu Almodóvar zurück, und die schöne Penélope Cruz kehrt aus Hollywood zurück und darf zeigen, dass sie auch richtig schauspielern kann. Eine komödiantisch-leichte Themen-Variation aus dem farbenprächtigen Land der Almodóvar-Melodramatik: Ein generationenübergreifender, hymnischer Frauen-Film mit einem Schuss geisterhafter Melancholie.
9.8. Donnerstag
Prater
A/D 2007. Regie: Ulrike Ottinger. Mit Peter Fitz, Veruschka, Robert Kaldy-Karo, Heinrich Holub, Elfriede Jelinek. 104 min. DF
Menschen, Monster, Sensationen: Ulrike Ottingers Prater-Porträt, eine kaleidoskopische Geschichte des großen Wiener Rummels. Dessen Welt der Zerrspiegel und Attraktionen ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Exzentrik-Freundin Ottinger, die zwischen Schausteller-Interviews Elfriede Jelinek im Gorilla-Griff posieren lässt, überhaupt Dokument und Inszenierung mischt: Eine Illusionsmaschine über eine Illusionsmaschine, reflexiv und spektakulär – nicht zuletzt, wenn die physischen Sensationen erfahrbar gemacht werden, indem die Kamera in die Achterbahn geschnallt oder in den Himmel geschossen wird.
10.8. Freitag
Garden State
US 2004. Regie: Zach Braff. Mit Zach Braff, Ian Holm, Ron Leibman, Method Man, Natalie Portman, Peter Sarsgaard. 109 min. OmU
Ein Komödien-Glücksfall: Zach Braff spielt einen melancholischen jungen Mann, der zum Begräbnis seiner Mutter in das Provinznest in New Jersey zurückkehrt, das er ehemals in der Hoffnung auf ein größeres Leben verlassen hat. Er trifft seine ehemaligen Freunde – dauerbekifft, seine Familie, oder was noch davon übrig ist und auf ein Mädchen - die süße, seltsame Sam (Natalie Portman), das sein Leben verändern wird. Bis in die einnehmend unvorhersehbaren Tonlagenwechsel und Comedy-Einlagen hinein ein würdiger heutiger Nachfolger von klassisch-satirischen Generationenporträts wie Die Reifeprüfung und Harold and Maude.
11.8. Samstag
Brazil
UK 1985. Regie: Terry Gilliam. Mit Jonathan Pryce, Robert De Niro, Katherine Helmond, Ian Holm, Bob Hoskins, Michael Palin, Kim Greist, Jim Broadbent. 142 min. OF
Die Zukunft: Orwell und Kafka hatten recht. Und zu Weihnachten wird aufgrund eines absurden Fehlers auch noch der Falsche verhaftet, mit fürchterlichen Folgen. Als Sam Lowry, ein biederer Bürokrat, der lieber seinen hochfliegenden Tagträumen nachhängen würde, die Sache bereinigen will, gerät er schnell selbst in die Fänge des Systems – und wird schließlich als Terrorist gejagt. Terry Gilliams furioses Science-Fiction-Spektakel mischt Sozialsatire mit romantischer Fantasy, schwarze Komödie mit Thriller-Verfolgungsjagden: Gewaltiges Ausstattungskino mit großem Herz.
12.8. Sonntag
La gran final
E/D 2006. Regie: Gerardo Olivares. Mit Shag Humar Khan, Abu Aldanish, Zeinolda Igaza. 88 min. OmU
Gibt es eine Welt jenseits des globalen Fußball-Wahns? Ideales Kontrastprogramm zur nahenden Fußball-EM 2008: Wie kann man ein WM-Finale (in diesem Fall: Deutschland-Brasilien, 2002) im Fernsehen empfangen, wenn man in einer der entlegensten Gegenden des Erdballs lebt? Eine Familie mongolischer Nomaden, die Tuaregs einer Kamelkarawane in der Sahara und eine Gruppe von Indios aus dem Amazonasgebiet lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen, denn sie sind Fans und sie lieben den Sport. Der spanische Film-Veteran Gerardo Olivares beschreibt die teils übermenschlichen, oft komischen Anstrengungen, um die TV-Übertragung des WM-Finales in diesen scheinbar isolierten Teilen der Welt zu empfangen – sowie die sehr unterschiedlichen Reaktionen aufs Spiel. Wer liebt Ronaldo und weshalb sind Tuaregs Oliver-Kahn-Fans?
Archiv 2007