Archiv 2006
6.7. Donnerstag
Eröffnungsfilm
Hellzapoppin'
US 1941. Regie: H.C. Potter. Mit Ole Olson, Chic Johnson, Martha Raye, Mischa Auer. 84 min. OmfU
Eindeutig das Schrägste, das Universal je hervorgebracht hat: eine Tour de force zur Hölle und zurück (in 84 Minuten). Hintergrund ist eine blödsinnige Broadwayshow mit Olson und Johnson, die in Hollywood verfilmt werden soll – der Regisseur wirft das Handtuch, der Autor pfuscht mit einer Liebesgeschichte dazwischen und für die humorlosen Premierengäste muss noch eine zweite, entschärfte Musical-Version aus dem Hut gezaubert werden. Höhepunkt des ganzen Ramasuri: Franke Manning, Slim Gaillard & Slam Stewart do the “Lindy-Hop” – eine zu Ehren von Charles Lindbergh so benannte (afroamerikanische) Variation auf den Jitterbug.
7.7. Freitag
The Life Aquatic with Steve Zissou
US 2004. Regie: Wes Anderson. Mit Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum. 119 min. OmU
Der vierte, üppigste Spielfilm des exzentrischen Wunderkinds Wes Anderson: Bill Murray als filmender Ozeanograf à la Cousteau, der (samt Besatzung in identen hellblauen Neoprenanzügen mit roten Wollmützen) tragische Rachejagd auf einen dubiosen Mörderhai macht. Mit von der Partie sind Vielleicht-Sohn Owen Wilson, mit dem es einen klassischen Vater-Sohn Konflikt auszuleben gilt, und die hochschwangere Reporterin Cate Blanchett, die für Vater und Sohn gleichermassen attraktiv ist. Die einzig kompetente Hochseetüchtige – Ehefrau Anjelica Huston – springt ab, bevor die Crew ins Meer sticht. Begleitend erklingen die schönsten Lieder von David Bowie – von Schiffsjunge Pedro in wunderbarer Fado-Manier auf portugiesisch vorgetragen.
8.7. Samstag
Dazed and Confused
US 1993. Regie: Richard Linklater. Mit Jason London, Rory Cochrane, Wiley Wiggins, Matthew McConaughey, Milla Jovovich, Ben Affleck. 94 min. OmU
„It was the last day of school of 1976. It's a night they would never forget . . . if they could only remember.“ Der schönste und beste aller High-School-Filme, nicht nur wegen der makellos aufspielenden Besetzung voller zukünftiger Stars oder der endlos zitierbaren witzigen Dialoge. Sondern weil Richard Linklater so detailreich, so entspannt und dabei so genau erzählt, wie nur einer kann, der das alles erlebt hat: Die letzte Nacht vor Schulende, die Party, das Bier, die Drogen, die Rockmusik – und über allem dieses seltsame Gefühl, langsam erwachsen zu werden.
9.7. Sonntag
The Gold Rush
US 1925. Regie: Charles Chaplin. Mit Charlie Chaplin, Georgia Hale, Mack Swain, Henry Bergman, Tom Murray. 82 min. stumm
Produktion, Regie, Drehbuch, Schnitt, Musik, Hauptdarsteller: Charlie Chaplin. Als kleiner Goldschürfer im Alaska von 1898 verliebt er sich in eine Saloonsängerin und wird am Ende doppelt, mit Liebe und Reichtum, belohnt. Die Szene, in der Charlie vor lauter Hunger seinen Schuh verzehrt, ging in das ikonografische Gedächnis des 20. Jahrhunderts ein. „Wenn man abends an den Kinos vorübergeht,” schrieb Erich Kästner anno 1945, „hört man, bis auf die Straße hinaus, die armen, unterernährten, tiefbekümmerten Bayern, Schwaben und Badenser so laut lachen, dass die Trümmer in der Nachbarschaft wackeln."
10.7. Montag
Sunset Boulevard
US 1950. Regie: Billy Wilder. Mit William Holden, Gloria Swanson, Erich von Stroheim, Nancy Olson. 110 min. OF
Einer, der's in Hollywood nie geschafft und sein Leben lang vergebens vom eigenen Swimmingpool geträumt hat, treibt von mehreren Kugeln durchlöchert tot im Wasser und erzählt die Geschichte: seine eigene und die einer Stummfilmdiva, die für ihr Comeback sogar über Leichen geht. Kein anderer Film hat stärker am Glamour der Traumfabrik gekratzt, kein anderer sich dabei so virtuos in deren Mythos eingeschrieben – beides zusammen macht Sunset Boulevard zu einem Glücksfall des Kinos. „Es gibt nur eine unumstößliche Wahrheit”, wusste Billy Wilder, „wenn man keinen Film macht, kann er kein Misserfolg werden.”
11.7. Dienstag
Last Days
US 2005. Regie: Gus Van Saint. Mit Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Ricky Jay, Harmony Korine, Kim Gordon. 97 min. OmU
Gus Van Sants von Kurt Cobains Selbstmord inspirierte Elegie: Die letzten Tage eines Musikers, meist zugedröhnt durch Zimmer und Umgebung seines Landhauses streifend. Ein in Zeitschleifen und hypnotischer Verlangsamung schwelgendes Verdämmern, die Erforschung eines inneren Seelenzustands, durch die grandiosen Beiträge von Harry Savides (Kamera) und Leslie Shatz (Ton) unmittelbar fühlbar gemacht. Bei einer unvergesslichen Rückwärtsfahrt, weg vom hinterm Fenster musizierenden Protagonisten, klaffen Ton und Bild immer wieder auseinander: Unheimlichkeit der verzerrten Realität.
12.7. Mittwoch
Fellini's Casanova
I/US 1976. Regie: Federico Fellini. Mit Donald Sutherland, Tina Aumont, Cicely Browne, John Karlsen. 166 min. OmeU
Giacomo Casanova, wie Fellini ihn sieht: Kein eleganter Draufgänger, sondern ein verwitterter Geck, der von seiner Libido und schrankenlosen Eitelkeit getrieben wird wie ein pawlowscher Hund und sich auf Frauen im Grunde ebensowenig versteht wie auf Liebe. Folgerichtig wird die Liebesnacht, die Donald Sutherland mit einer Puppe verbringt, zum eigentlichen Höhepunkt dieses üppigen Ausstattungsfilms. Die wahre Orgie für Augen und Ohren feiern Danilo Donati (Kostüme) und Nino Rota (Musik). Fellinis grimmigstes Werk.
13.7. Donnerstag
Lemming
F 2005. Regie: Dominik Moll. Mit Laurent Lucas, Charlote Gainsbourg, Charlotte Rampling, André Dussolier, Jacques Bonnnaffé. 129 min. OmU
Für Alain, Entwickler einer fliegenden High-Tech-Kamera, scheint alles bestens zu laufen. Bis der Chef zum Abendessen kommt. Dessen Frau (von Charlotte Rampling höchst amüsant als Zombie mit Sonnenbrille gespielt) wirft Alain plötzlich Beschimpfungen und Wein an den Kopf: Auftakt zu einer Serie mysteriöser Wendungen, die Alain bald in den Wahnsinn zu treiben drohen. Geht seine Frau fremd? Und woher kommt eigentlich der Lemming, der den Abschluss verstopft? Dominik Molls surrealer Thriller, eine mit viel schwarzem Humor angereicherte französische Antwort auf die bizarren Mind Trips von David Lynch.
14.7. Freitag
SUBVERSIVE DELIGHT: Tausendschönchen
CSSR 1966. Regie: Vera Chytilová. Mit Ivana Karbanová, Jitka Cerhová, Marie Cesková. 80 min. OmU
Von weiblichem Hedonismus im real existierenden Solzialismus. Zwei gelangweilte Mädchen, beide Marie geheißen, beschließen genauso verdorben wie die restliche Welt zu sein: Sie lassen sich von älteren Herren ausführen, treiben Schabernack mit ihnen, verwüsten ein festliches Buffet, schaukeln auf Kronleuchtern. Ein „burleskes philosophisches Dokument” hat Vera Chytilová, die Wegbereiterin der Moderne im tschechischen Kino, ihre unbändige Parabel über die Lust an der Zerstörung genannt: „Der Film ist der brutale Verzehr von allem, einschließlich seiner selbst.”
15.7. Samstag
The Virgin Suicides
US 1999. Regie: Sofia Coppola. Mit Kirsten Dunst, Josh Hartnett, James Woods, Kathleen Turner, Scott Glenn, Danny DeVito. 96 min. OmU
„Cecilia was the first to go“, beginnt sich die Erzählstimme zu erinnern. Cecilia, das ist die jüngste der fünf engelsgleichen Lisbon-Schwestern, die in den frühen 70ern in einem bigotten Haushalt aufwachsen – und daran zerbrechen. Sofia Coppolas verführerischer, ätherischer Debütfilm, eine traumgleich durchs ästhetisierte Dekor gleitende Geschichte von Verliebtheit und Hemmung, eine ganz und gar eigensinnige Variation aufs Teenager-Melodram. Und mittendrin redet James Woods geistesabwesend mit Topfpflanzen wie nie wieder jemand davor oder danach.
16.7. Sonntag
Only Angels Have Wings
US 1939. Regie: Howard Hawks. Mit Cary Grant, Jean Arthur, Thomas Mitchell, Rita Hayworth, Richard Barthelmess, Sig Ruman. 121 min. OF
Ein typischer Hawks-Film, noch dazu einer seiner besten. Es geht um Flugpioniere (Cary Grant, Jean Arthur: beide schlagfertig, drahtig, der Unisex am Horizont), die Post über die Anden fliegen. Bei jedem Wetter. Dann taucht eine neue Frau auf, die selbst diesen hartgesottenen Professionals den Kopf verdreht, von denen einer zudem erblindet und im Nebel gegen einen Berg kracht. „Mir ist so komisch”, sagt er. „Du hast dir das Genick gebrochen”, erwidert Grant und wartet im strömenden Regen, bis sein bester Freund gestorben ist.
17.7. Montag
Everything you always wanted to know about sex ...
US 1972. Regie: Woody Allen. Mit Woody Allen, John Carradine, Lou Jacobi, Louise Lasser, Gene Wilder, Tony Randall, Burt Reynolds. 87 min. OF
Schon dieses Ungetüm von einem Titel (korrekt noch um „But Were Afraid to Ask” zu ergänzen!) zeigt, dass hier einer aufs Äußerste zur Satire entschlossen ist. Was ist Sodomie? Fragen Sie Schaf Daisy! Was ist Perversion? Probieren Sie Roggenbrot! Na, und was geschieht bei der Ejakulation? Hoffentlich nicht das, was Spermie #1, ver(samen)körpert von Woody Allen selbst, vorher noch so alles über sich ergehen lassen muss.
18.7. Dienstag
De Battre mon coeur s'est arrêté
F 2005. Regie: Jacques Audiard. Mit Romain Duris, Niels Arestrup, Emanuelle Devos, Linh Dan Pham, Jonathan Zaccaï. 107 min. OmU
Jacques Audiards mitreißend gespieltes und inszeniertes Remake des 70er-Kultfilms Fingers verlegt die Geschichte vom Geldeintreiber, der unwahrscheinlicherweise von der Pianistenlaufbahn träumt, ins Paris der Gegenwart. Romain Duris brilliert als zwischen Pflicht und Neigung hin- und hergerissener Held: Neben rücksichtslos erledigten Räumungsaufträgen für seinen Gauner-Vater nimmt er Klavierstunden bei einer Vietnamesin, mit der er sich nur über Musik verständigen kann. Aber die Zeit läuft ab, er muss sich zwischen den beiden Welten entscheiden: Atemlos steuert Audiard den Moment der Entscheidung an.
19.7. Mittwoch
Down by Law
US 1986. Regie: Jim Jarmusch. Mit Tom Waits, John Lurie, Roberto Benigni, Ellen Barkin, Nicoletta Braschi. 106 min. OmU
Ein minimalistisches Märchen, die Handlung klingt wie ein Witz: Treffen sich Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni in einer Gefängniszelle ... und beschließen auszubrechen. Auf dem Weg durch die unwegsamen Sümpfe von Louisiana lernen sie Frauen kennen, man zitiert Walt Whitman und streitet sich um Eiscreme. Jim Jarmusch nennt Down by Law , von Robby Müller in bestechende Schwarzweißbilder gesetzt, eine Art „neo-beat-noir-comedy”. Na, ja, macht nichts. Ist trotzdem ziemlich lustig.
20.7. Donnerstag
Invisible Waves
Thai/NL 2006. Regie: Pen-ek Ratanaruang. Mit Asano Tadanobu, Gang Hye Jung, Eric Tsang, Maria Cordero. 115 min. OmU
Japan-Star Asano Tadanobu als Auftragskiller und Koch in Hongkong, der seine Geliebte, die Frau seines Chefs, tötet, sich dann auf einem Kreuzfahrtschiff nach Thailand versteckt, wo er von Schuldgefühlen geplagt wird, während er möglichen Verfolgern zu entkommen trachtet – und sich in eine Mitreisende verliebt. Eine Überfahrt wie auf dem Geisterschiff: Regisseur Ratanaruang inszeniert die Reise als surrealen Traum, von Kameramann Christopher Doyle erlesen und wie in Trance fotografiert. Es entfaltet sich in der unwirklichen Atmosphäre eine Komödie der Irrtümer, die nachhaltige Konsequenzen fürs Karma zeitigen.
21.7. Freitag
Vertigo
US 1958. Regie: Alfred Hitchcock. Mit James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes. 128 min. OF
Hitchcocks unerschöpfliches Repertoire an Symmetrien, Reimformen, Doppelungen, erweitert um die spiralförmige Kreisbewegung, die immer dann einsetzt, wenn Scott Ferguson, der zwangspensionierte Kriminalbeamte, von seiner Höhenangst eingeholt wird: Dafür steht der Titel diese Meisterwerks, Vertigo , den ganz tiefen (Rein-)Fall, die erotische Täuschung, der James Stewart bei seiner Jagd auf die vermeintlich tote Kim Novak wie blind erliegt. „Seine Anstrengungen, die Frau wiederauferstehen zu lassen, werden filmisch so gezeigt, als versuche er sie nicht an- sondern auszuziehen” (Alfred Hitchcock).
22.7. Samstag
Survive Style 5+
J 2004. Regie: Gen Sekiguchi. Mit Asano Tadanobu, Shihori Kanjiya, Kyôko Koizumi, Hiroshi Abe, Vinne Jones. 120 min. OmeU
Man kann sich Charade ungefähr so vorstellen, als träfe Alfred Hitchcock den Rosaroten Panther zum Rendezvous: Als ziemlich verqueren Spaß, rund um einen geheimnisvollen Amerikaner, der sich einer jungen Französin aufdrängt, deren Ehemann noch rasch eine Viertelmillion Dollar auf die Seite geschafft haben soll, bevor dieser selbst von seinen Kumpanen beiseite geschafft wurde. Paris sizzles, die Kamera steht unter Drogen und Walter Matthau stiehlt den zwei bestens gelaunten Stars mürrisch wie eh und je beinahe die Show.
23.7. Sonntag
SUBVERSIVE DELIGHT: Le Fantôme de la liberté
E/F 1974. Regie: Luis Buñuel. Mit Monica Vitti, Michel Piccoli, Jean-Claude Brialy, Adolfo Celi, Michel Lonsdale, Jean Rochefort. 104 min. OmU
Altersweise Anarchie von Meister Luis Buñuel: Episodische Botschaften aus einer Welt, wo der Zufall regiert, der alle Botschaften gleich wieder entwertet, während von einer absurden Kurz(schluss)handlung zur nächsten gesprungen wird – von der gepflegten Essensrunde, die auf Toiletten sitzt, bis zum Panzerfahrer auf Fuchsjagd. Seine letzten Filme, so Buñuel, „beschwören die Suche nach Wahrheit und die Notwendigkeit, sie zu vergessen, sobald man sie gefunden hat.“ Le Fantôme de la liberté ist der insistierendste Ausdruck dieser Maxime, und der lustigste.
24.7. Montag
Festival Express
UK/NL 2003. Regie: Bob Smeaton. Mit Janis Joplin, The Grateful Dead, The Band, Buddy Guy, The Flying Burrito Brothers. 90 min. OF
Im Sommer 1970 hatten zwei findige Veranstalter die Idee, ein Dutzend der berühmtesten US-Musiker auf Kanada-Tournee zu schicken. Fünf Tage lebten The Grateful Dead, Janis Joplin, The Band und andere Legenden im Zug, brachten sich mit Whisky in Partylaune für gemeinsame Jam-Sessions als Vorbereitung aufs tumultöse Konzert beim nächsten Halt. Das Filmmaterial zum „Woodstock on Wheels“ blieb aus Rechtsgründen über 30 Jahre unter Verschluss: ein heiliger Gral des Rock'n'Roll, endlich „wiedergefunden“. Unter den zahllosen Highlights: Eine der gewaltigsten Darbietungen Joplins, nur zwei Monate von der Ewigkeit entfernt.
25.7. Dienstag
Veer-Zaara
Ind 2004. Regie: Yash Chopra. Mit Shahrukh Khan, Preity Zinta, Rani Mukherjee, Kiron Kher, Amitabh Bachchan. 192 min. OmU
Preity Zinta als Muslimin Zaara aus Pakistan, die nach einem Busunfall im indischen Sikh-Gebiet von Rettungsflieger Veer (Shahrukh Khan) geborgen wird. Sie verlieben sich, aber Zaara ist bereits einem anderen versprochen. Als Veer sie besucht, hat das tragische Folgen. Eine gewaltige Bollywood-Romanze, von Altmeister Yash Chopra in majestätischer Manier inszeniert, die Geschichte einer geprüften Liebe, die Gefängnis und Grenzen, Politik und Justiz, Religions- und Standesunterschiede überwinden muss – und beim großen Wiedersehen schließlich noch Zeit und Raum aus den Angeln hebt.
26.7. Mittwoch
SUBVERSIVE DELIGHT: The Bed-Sitting Room
UK 1969. Regie: Richard Lester. Mit Rita Tushingham, Ralph Richardson, Dudley Moore, Harry Secombe, Spike Milligan, Marty Feldman . 90 min. OmU
England anno 1964. Swingin' London liegt in Schutt und Asche, die Überlebenden der Bombe führen ein unstetes Dasein: Man haust in U-Bahn-Zügen, trägt gerne mal Fummel, die Polizei ist mit Fesselballons unterwegs und Sir Ralph Richardson, sonst doch eher als Shakespeare-Schauspieler bekannt, setzt dem ganzen surrealistischen Treiben die Krone des King Lear auf. Seinerzeit ein kolossaler Flop, erfreut sich The Bed-Sitting Room schon längst des Rufs, der beste Monty-Python-Film ohne Monty Pythons zu sein.
27.7. Donnerstag
Wrong Side Up
CZ/D/SK 2005. Regie: Petr Zelenka. Mit Ivan Trojan, Zuzana Sulajová, Zuzana Stivínová, Miroslav Krobot, Nina Divísková, Petra Lustigova. 100 min. OmeU
Petr ist Paketarbeiter am Prager Flughafen, die Freundin hat ihn wegen eines anderen, besser gestellten, verlassen. Einem Traumtänzer gleich geht er durch eine seltsam skurile Welt, deren Koordinaten sich ständig verschieben. Der Chef findet sich durch eine eines Tages gestrandete Schaufensterpuppe sexuell angezogen. Die blutspendesüchtige Mutter sammelt für die Armen auf Kuba. Der Vater, in Kommunistenzeiten Nachrichtensprecher, findet sich in der Kunstszene wieder. Die Nachbarn wiederum bezahlen Petr dafür, dass er ihnen beim Sex zusieht. Die Welt als Erweiterung des Flughafens: Hier wie dort regieren Entfremdung und Orientierungslosigkeit.
28.7. Freitag
Tokyo Drifter
J 1966. Regie: Seijun Suzuki. Mit Tetsuya Watari, Chieko Matsubara, Hideaki Nitani, Ryuji Kita. 89 min. OmU
Eine in knalligen Bonbonfarben gedrehte Yakuza-Ballade des kultisch verehrten B-Picture-Regisseurs Suzuki, die ungefähr so aussieht, als hätten Russ Meyer, Nagisa Oshima und Sam Fuller gemeinsam einen Film gemacht. Ein junger Gangster mit beredtem Spitznamen (Phoenix), der nach einem bürgerlichen Leben strebt, wird von seinem Ex-Boss an eine rivalisierende Unterweltfamilie verraten. – Kino als Exzess. Gemessen an Actionfilmen heute verhält sich Tokyo Drifter wie Cool Jazz zu einer Beserlpark-Combo.
29.7. Samstag
21 Grams
US 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu. Mit Sean Penn, Naomi Watts, Danny Huston, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg. 124 min. OmU
Ein Autounfall führt drei Leben zusammen. Eine Frau (Naomi Watts) verliert dabei Mann und Kinder, der fahrerflüchtige Lenker (Benicio Del Toro) ringt mit seinem Gewissen: Soll er sich stellen? Das Herz des toten Mannes wird einem anderen (Sean Penn) transplantiert, und er macht sich auf die Suche, um zu danken. Der zweite Film des Erfolgsteams von Amores Perros , ein elektrisierend gespieltes, vielschichtiges, sich erst nach und nach wie ein Mosaik zusammensetzendes Arrangement über den unfassbaren Sog des Schicksals: Die Seele, heißt es, wiegt 21 Gramm. Was wiegt ein Leben?
30.7. Sonntag
Soy Cuba
Kuba/UdSSR 1964. Regie: Mihail Kalatozov. Mit Luz Maria Collazo, José Gallardo, Raul Garcia, Sergio Corrieri. 141 min. OmU
Obwohl er auf Kuba für viele Jahre verboten, in der Sowjetunion als Kitsch verhöhnt und seine Größe verkannt wurde, zählt Soy Cuba zu den ganz wenigen bedeutenden Errungenschaften der sowjetisch-kubanischen Allianz. In vier bis ins kleinste Detail durchchoreografierten Episoden singt Kalatozov eine überschwängliche Hymne auf den revolutionären Kampf der lateinamerikanischen Massen. Als erstes und einziges „Dokument kommunistischer Dekadenz” (David Denby) schließt dieses bizarre Epos in puncto Kamaratechnik und Schnitt nahtlos an die Meisterwerke des sowjetischen Revolutionsfilms eines Vertov oder Eisenstein an.
31.7. Montag
Rois et reine
F 2004. Regie: Arnaud Desplechin. Mit Emanuelle Devos, Mathieu Amalric, Catherine Deneuve, Maurice Garrel, Noémie Lvovsky. 150 min. OmeU
Eine epische, exzentrische und eindrucksvolle Tragikomödie, die vor Energie und Ideen aus allen Nähten platzt: Mathieu Amalric als womöglich brillanter, jedenfalls erheiternd verwirrter Musiker, der bei Catherine Deneuve im Sanatorium landet und bald die Flucht plant, während ihn seine undurchsichtige Ex-Frau Emanuelle Devos zur Adoption ihres früheren Kindes bewegen will. Mithilfe seines furiosen Ensembles entfacht Arnaud Desplechin eine Achterbahnfahrt der Gefühle, inszeniert mit einem Reichtum, wie man ihn im Gegenwartskino allenfalls noch bei Martin Scorsese findet. Ein modernes Meisterwerk.
1.8. Dienstag
The Long Goodbye
US 1973. Regie: Robert Altman. Mit Elliott Gould, Nina Van Pallandt, Sterling Hayden, Mark Rydell.
112 min. Omd/fU
Der Tod kennt keine Wiederkehr. Schäbig wie Raymond Chandler ihn schuf, läuft Philip Marlowe sich im Hollywood der Siebzigerjahre die Hacken ab, um einen Fall aufzuklären; dabei droht er in dem Sumpf aus Verbrechen, Alkohol, Mord bald auch selbst unterzugehen. Bogart, Elliott Goulds berühmtestem Vorgänger in dieser Rolle, wäre das nicht passiert – allerdings bekam der's auch nie mit nackten Yoga-Girls und derart furchteinflößenden Muskelpaketen wie Arnold Schwarzenegger zu tun.
2.8. Mittwoch
SUBVERSIVE DELIGHT: Chinesisches Roulette
BRD/F 1976. Regie: Rainer Werner Fassbinder. Mit Anna Karina, Margit Carstensen, Brigitte Mira, Uli Lommel, Volker Spengler, Macha Méril. 86 min. DF
Ein Familientreffen am Lande wird zum Wochenende der Demütigungen und Peinlichkeiten: Die verkrüppelte Tochter inszeniert für sich, die Eltern und deren Liebhaber ein Spiel namens „Chinesisches Roulette“. Fassbinders kühlster Film und einer seiner faszinierendsten, ein absurd böser psychologischer Kampf in einem Gefängnis aus Glas und Chrom, das die Kamera von Michael Ballhaus wie entfesselt umkreist. Und mittendrin ein seltsam schönes, unvergessliches Verstörungs-Bild: Ein Mädchen auf Krücken tanzt zu Kraftwerks „Radioaktivität“.
3.8. Donnerstag
The Wayward Cloud
Taiwan/F/China 2004. Regie: Tsai Ming-liang. Mit Lee Kang-sheng, Chen Shiang-chyi, Lu Yi-ching, Yang Kuei-mei, Sumomo Yozakura. 115 min. OmeU
Eine Frau kehrt ins vom Wassermangel gezeichnete Taipeh zurück, ein Treffen im Park führt zur zarten Romanze mit einem ehemaligen Uhrenverkäufer, der sich mittlerweile als Pornodarsteller verdingt. Wassermelonen dienen überall als Ersatz fürs kühle Nass – sowie als erotisches Beiwerk beim Sex-Dreh. Taiwans Ausnahmeregisseur Tsai Ming-liang erzählt originell und gewohnt präzise von einer Welt, in der Einsamkeit und Entfremdung regieren, und in der doch von der Liebe geträumt wird – wundersamerweise verwandelt sie sich immer wieder in eine Bühne für ausgelassene, üppige und komische Musical-Sequenzen.
4.8. Freitag
What's New, Pussycat?
US/F 1965. Regie: Clive Donner. Mit Peter Sellers, Romy Schneider, Peter O'Toole, Capucine, Woody Allen, Ursula Andress. 108 min. OF
Total arger Film! Ein psychopathischer Psychiater (Sellers), ein neurotischer Playboy (O'Toole) und ein schusseliger Gaderobier namens Victor Shakopopolis (Allen), der den Tänzerinnen des Crazy Horse beim Umkleiden „hilft”, spielen die Hauptrollen. Dazu noch Girls, Girls, Girls. Das ist Paris! Zumindest das Woody Allens, der mit What's New Pussycat?, seinem ersten Drehbuch überhaupt, in die Filmgeschichte eintritt. „Die Welt aus der Sicht der Herrenmagazine, aber kritisch gemeint” (Frieda Grafe).
5.8. Samstag
Donnie Darko
US 2001. Regie: Richard Kelly. Mit Jake Gyllenhaal, Holmes Osborne, Maggie Gyllenhaal, Patrick Swayze, Drew Barrymore. 118 min. OF
Eines Nachts im Jahre 1988 erscheint dem Teenager Donnie Darko ein weißes Riesenkaninchen, rät ihm, sein Zimmer zu verlassen (wo prompt eine Flugzeugturbine einschlägt) und prophezeit, dass die Welt in 28 Tagen untergehen wird. Gemeinsam mit einer neuen Freundin will Donnie das Unglück verhindern – eine Zeitreise soll die Dinge ungeschehen machen. Richard Kellys ungewöhnliches, kaleidoskopisches Debüt unterzieht den Teenager-Film mit Fantasie, cleveren Popkultur-Referenzen und erstaunlicher Tiefe einer stets überraschenden Generalüberholung. Längst ein Kultfilm.
6.8. Sonntag
Rocco e i suoi fratelli
I/F 1960. Regie: Luchino Visconti. Mit Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Claudia Cardinale, Katina Paxinou. 177 min. OmeU
Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht. So schlagen sich die fünf Brüder Parondi, die mit ihrer verwitweten Mutter aus dem Süden nach Mailand gezogen sind, wenn's sein muss auch mit den Fäusten durchs Leben. Rocco absolviert seinen Militärdienst; Simone wird Boxer, gerät auf die schiefe Bahn und droht seinen Bruder mitsamt dem Mädchen, das er liebt, in den Abgrund zu reißen. – Ein gewaltiges, noch spürbar von Viscontis künstlerischen Wurzeln im Neorealismus durchdrungenes Werk. In seinem Mailand, freilich, gibt's kein Wunder mehr.
7.8. Montag
SUBVERSIVE DELIGHT: Cul-de-sac
UK 1965. Regie: Roman Polanski. Mit Lionel Stander, Francoise Dorléac, Donald Pleasance, Jack MacGowran. 111 min. engl. OF
Eine existenzialistische Kriminalburleske, sozusagen Polanskis filmische Variation auf Becketts Warten auf Godot . Irgendwo an der englischen Kanalküste warten zwei flüchtige Gangster auf ihren Boss, einen gewissen Katelbach, und vertreiben sich die Zeit mit einem Ehepaar, das seinen eigenen absurd-makabren Spielchen und Ritualen frönt. Kein einfacher Film, erinnerte sich Polanski später: „Francoise Dorléac verfiel in Stimmungen, war unsicher. Donald Pleasance war gemein und narzisstisch. Lionel Stander war faul und langweilig” – und Katelbach lässt sich gleich nicht einmal mehr blicken.
8.8. Dienstag
River of No Return
US 1954. Regie: Otto Preminger. Mit Robert Mitchum, Marilyn Monroe, Rory Calhoun, Tommy Retting. 91 min. OmfU
Mitchum rettet Saloonsängerin Monroe und ihrem Ehemann das Leben; zum Dank stiehlt der ihm das Pferd und lässt ihn mit seinem kleinen Buben und seiner eigenen Frau in der Wildnis zurück. Auf einem lecken Floß donnern Bob und Marilyn, von Indianern und Stromschnellen bedroht, den Fluss ohne Wiederkehr dann hinunter ins Happyend. – So einfach die Handlung dieses Films ist, so spektakulär sind die Bilder (in Cinema-scope) und Marilyn Monroe (in engen Jeans und durchnässter Bluse). Der für seinen Wiener Charme berüchtigte Preminger dankte es ihr auf seine Weise: „Sie ist nichts weiter als ein Vakuum mit Brustwarzen.”
9.8. Mittwoch
Monty Python's The Meaning of Life
UK 1983. Regie: Terry Jones / Terry Gilliam. Mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Carol Cleveland. 112 min . DF
Was könnte besser sein als ein Monty-Python-Film? Viele! Genau das dürfte sich die legendäre Komikertruppe gedacht haben, als sie für ihr letztes Kinowerk erfolgreich zur entgleisenden Episoden-Struktur des TV-Klassikers „Monty Python's Flying Circus“ zurückkehrte: Von der Wiege bis zur Bahre reicht der satirische Exzess. Den Sinn des Lebens wird man darin vielleicht vergeblich suchen. Aber Lachen über Organspenden, Pfefferminzblättchen, Piraten, die wortwörtlich die Wirtschaftswelt entern, und Kinder, die fromme Loblieder aufs Sperma anstimmen? Garantiert!
10.8. Donnerstag
Madeinusa
E/Peru 2005. Regie: Claudio Llosa. Mit Yiliana Chong, Carlos Juan De La Torre, Juan Ubaldo Huamán, Magaly Solier. 100 min. Omd/fU
Madeinusa heißt die Lieblingstochter des Bürgermeisters eines seltsamen Dorfes in den Anden. Das Osterfest steht bevor, diese „tiempo santo“ ist der Höhepunkt des Jahres für die Einwohner: Nach der Prozession der heiligen Jungfrau beginnt ein bizarres Fest, bei dem jede Sünde erlaubt ist (denn Gott ist ja tot) – und der Bürgermeister will dabei Madeinusa entjungfern. Doch ein Fremder hat sich auf den ersten Blick in das Mädchen verliebt und will sie „retten“. Claudia Llosas einfallsreiches, packendes Debüt: Eine ironische Fabel über den Zusammenstoß von Altem und Neuem.
11.8. Freitag
Exile Family Movie
A/Iran 1994-2006. Regie: Arash. 92 min. DF/OmU
Eine Familiengeschichte – normal verrückt und außergewöhnlich zugleich. Ein Film über Exil und Heimat, über Eltern, Großeltern, Geschwister und all die anderen nahen und fernen Verwandten einer persischen Großfamilie, die teils emigriert nach Europa und Amerika, großteils aber im Iran geblieben ist. Allen Gefahren zum Trotz gibt es nach 20 Jahren ein geheimes Wiedersehen an einem für die iranische Obrigkeit unverdächtigen Ort: in Mekka. Man kommt aus Amerika, Schweden, Österreich und Iran angereist und es wird gelacht, gestritten, gekocht, gefeiert. es gibt übermäßig viele Umarmungen und Küsse, und doch ist es auch ein Aufeinanderprallen der muslimischen und der westlichen Gesellschaften. Ein herzerwärmender Film zum mit-lachen und mitweinen.
12.8. Samstag
House of Flying Daggers
China/HK 2004. Regie: Yimou Zhang. Mit Takeshi Kaneshiro, Andy Lau, Zhang Ziyi, Song Dandan. 119 min. OmeU
Ein Geheimbund namens „House of Flying Daggers“ rebelliert 859 in China gegen die herrschende Tang-Dynastie. Ein Polizeioffizier soll eine schöne blinde Tänzerin, die zum Geheimbund gehört, festnehmen, doch einer seiner Kollegen flieht mit ihr, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Zwischen Verfolgungsjagden und Intrigen entspinnt sich eine leidenschaftliche und tödliche ménage à trois. Zhang Yimous Nachfolger zu seiner farbenprächtigen Martial-Arts-Extravaganz Hero bietet noch ausladendere Bilder und Action-Szenen: Darunter ein schlicht atemberaubender Trommeltanz und, natürlich, ein großer Kampf im Bambuswald.
13.8. Sonntag
The Women
US 1939. Regie: George Cukor. Mit Joan Crawford, Norma Shearer, Rosalind Russell, Joan Fontaine, Paulette Goddard, Hedda Hopper. 132 min. OF
Ort: ein Schönheitssalon an der Park Avenue. Erkennungszeichen: Nagellack, Marke „Jungle Red”. Das einzige Thema: die abwesenden Männer, 132 temporeiche Small-Talk-Minuten lang. Die Besetzungsliste nennt 114 Schauspielerinnen, angeführt von Joan Crawford (der Verschlagenen), Norma Shearer (der Betrogenen) und Rosalind Russell (der Mondänen). – Der „weibliche” Klassiker der Screwball Comedy, aber so pervers das auch klingt: The Men wär eigentlich der passendere Titel für den Film.
14.8. Montag
SUBVERSIVE DELIGHT: The Honeymoon Killers
US 1970. Regie: Leonard Kastle. Mit Shirley Stoler, Tony LoBianco, Mary Jane Higby. 115 min. OmU
Die leicht sadomasochistische Beziehung zwischen einem drittklassigen Gigolo und seiner vollschlanken Gespielin ist das Herzstück dieses nach Art des Cinema Verité in schmucklos rauen Bildern erzählten Krimis, der auf wahren Begebenheiten beruht. 1951 sorgten die „Lonely-Hearts”-Morde für Schlagzeilen, bei denen allein stehende, nicht mehr ganz junge Frauen reihenweise Opfer zuerst einer Verführung und dann eines Verbrechens wurden. Leonard Kastle, der Regisseur, ist im „richtigen” Leben eigentlich Komponist und The Honeymoon Killers sein einziger Film geblieben.
15.8. Dienstag
Raising Arizona
US 1987. Regie: Joel Cohen. Mit Nicolas Cage, Holly Hunter, John Goodman, Frances McDormand.
94 min. Omd/fU
Texas: Der Exgauner H. I. McDunnough (Nicolas Cage) heiratet die Polizeibeamtin Ed. (Holly Hunter). Sie träumen vom Glück in der perfekten Kleinfamilie aber - ihre Ehe bleibt kinderlos. Die Adoption ist ihnen wegen H.I.s kriminalistischer Laufbahn verwehrt. „Biology and the prejudices of others conspired to keep us childless.” Möbelhändler Nathan Arizona hat dafür gleich 5, die Arizona Quins. Warum sollen manche soviel haben, wenn andere dafür leer ausgehen? Also klauen sie eines der fünf und ab geht die Post. Das traute Familienglück zu dritt bleibt allerdings aus, eine wilde Jagd gipfelt in einem martialischen Showdown und führt zu einem utopischen Ende.
16.8. Mittwoch
Masculin - Féminin
F 1966. Regie: Jean-Luc Godard. Mit Jean-Pierre Léaud, Chantal Goya, Marlène Jobert. 110 min. OmU
Aus dem Leben der Kinder von Marx und Coca-Cola: 15 präzise Fakten, offertiert als Mischung aus Fiktion und Dokumentarfilm, die bei Godard nur Aspekte ein- und derselben Sache sind. „Es gibt keinen Film sonst, der wie Masculin – Féminin die Gesten und Erscheinungsbilder der Beatles-Zeit enthält, wie sie sich mit dem frühen Protest gegen den Vietnamkrieg durchdringen, dem zentralen Ereignis des Jahrzehnts. Der Film ist, in jedem Bild, 'die Jugendlichkeit' 1965, und in jedem Ton: Flipper, Billard, Bowling, Schüsse – die Welt der Kugeln.“ (Klaus Theweleit)
17.8. Donnerstag
Three Times
Taiwan/F 2005. Regie: Hou Hsiao-Hsien. Mit Shu Qi, Chang Chen. 135 min. OmeU
Meisterregisseur Hou Hsiao-hsiens betörendes Tryptichon über Liebe in verschiedenen Zeiten, das Paar stets von denselben beiden Schauspielern verkörpert. 1966 folgt ein junger Soldat aus Liebe einem Mädchen durch die Billardhallen des Landes, zu „Smoke Gets in Your Eyes“ gleiten die Kugeln über den Filz und die romantischen Gefühle in die Welt: ein Schwelgen. 1911 sehnt sich eine Kurtisane nach einem Kunden, der sich im Kampf gegen die japanischen Besatzer engagiert: ein erlesener „Stummfilm“ mit Musikspur. Und im Taipeh der Gegenwart verlieren sich dann eine bisexuelle Sängerin und ein Fotograf in der Entropie der Moderne.
18.8. Freitag
Gilda
US 1946. Regie: Charles Vidor. Mit Rita Hayworth, Glenn Ford, George Macready, Steven Geray, Joseph Calleia. 110 min. OmfU
Gangster, Nazis und ein Glücksspieler, der schon einmal alles riskiert und natürlich alles verloren hat. Inklusive der schönen Gilda, die, mehr gutes böses Mädchen als Femme fatale, zur tödlichen Bewährungsprobe für eine Männerfreundschaft wird. In einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte tanzt Rita Hayworth dann Glenn Ford einen Striptease vor und singt „Put the blame on mame, boys” – frei übersetzt: Beschwer dich halt bei deiner Mutter, mein Junge ... Einer jener Film noirs, an denen
man(n) sich nicht sattsehen kann.
19.8. Samstag
Easy Rider
US 1969. Regie: Dennis Hopper. Mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson, Karen Black, Phil Spector. 94 min. OmU
Wie entschieden das New Hollywood Cinema mit Good Old Hollywood gebrochen hat, zeigt sich in Easy Rider schon an der Route, die Fonda und Hopper einschlagen. Nicht wie im Western von Ost nach West, sondern in die entgegengesetzte Richtung führt sie ihre Reise: „Eine Motorradfahrt von Los Angeles nach New Orleans, das ist die Geschichte dieses Films. Eine Geschichte von langen, leeren Straßen, von leeren Tankstellen, von Monument Valley, von Vorstädten, in denen die Reklame auf den Dächern doppelt so hoch ist wie die Häuser darunter.” (Wim Wenders)
20.8. Sonntag
Singin' in the Rain
US 1952. Regie: Stanley Donen. Mit Gene Kelly, Debbie Reynolds, Donald O'Connor, Cyd Charisse. 102 min. OmU
Wie er, Gene Kelly, auf blauer, leerer Studio-Straße den Regenschirm schließt und herumwirft, über den glitschnassen Asphalt wirbelt, die Straßenlaternen umarmt und sich vor lauter Glück buchstäblich ausschüttet, das ist die tänzerische Apotheose des Traums namens Kino, der seinerzeit gerade wieder mal zu Ende geht: Singin' in the Rain, ein Musical mit Film-im-Film-Geschichte, empfindet das große Erdbeben der anbrechenden Tonfilmära genau in dem Moment nach, als mit dem aufkommenden Fernsehen ein noch größeres Beben Hollywood erschüttert.
Archiv 2006