Archiv 2004
2.7. Freitag
Eröffnungsfilm
The Thin Man
USA 1934. Regie: W. S. Van Dyke. Mit William Powell, Myrna Loy, Maureen O'Sullivan, Nat Pendleton, Cesar Romero. 93 min. OF
„A laugh tops every thrilling moment!“ Nick & Nora Charles sind reich und immer ein bisserl angeheitert – das erleichtert ihnen das pausenlose Abfeuern geistreicher, elegant-bösartiger Dialogzeilen ganz erheblich. Nach der nächtlichen Begegnung mit einem bewaffneten Eindringling lesen sie darüber in den Morgenzeitungen. „I was shot twice in the Tribune.“ – „I read you were shot five times in the tabloids.“ – „It's not true. He didn't come anywhere near my tabloids.“ Im Grunde sind Nick & Nora und ihr Foxterrier Asta einem verschwundenen Erfinder auf der Spur und klären schließlich auch noch einen Mord auf. Und MGM machte aus dem Roman von Dashiell Hammett eine höchst erfolgreiche Krimikomödie.
3.7. Samstag
Citizen Kane
USA 1941. Regie: Orson Welles. Mit Orson Welles, Joseph Cotten, Everett Sloane, Ruth Warrick, Dorothy Comingore, Agnes Moorehead.
119 min. Omd/fU
„The classic story of power and the press!“ Aufstieg und Fall eines Medienzaren, Erstlingswerk des damals 24-jährigen Orson Welles, nichts weniger als der einflussreichste Film in der Geschichte des Kinos: Anekdoten, subjektive Erinnerungen, fiktive Dokumentarszenen, in atemberaubender Rückblendenstruktur ingeniös montiert zu einem fragmentierten, fragmentarischen biografischen Essay, barock und immens detailreich zugleich, der um Geld, Macht und verlorene Kindheit kreist – nicht zuletzt um den American Way of Life. „Der frühzeitige und intensive Umgang mit Shakespeare hat, so glaube ich, Welles eine antimanichäische Weltsicht vermittelt und ihn veranlasst, die Vorstellung vom Helden, die vom Guten und Bösen zu vermengen und zu verwirren.“ (Truffaut) Mit Citizen Kane hat das amerikanische Kino seine Unschuld verloren.
4.7. Sonntag
Italiensk for begyndere / Italienisch für Anfänger
DK/SWE 2000. Regie: Lone Scherfig. Mit Anders W. Berthelsen, Anette Stovelbaek, Peter Gantzler, Lars Kaalund. 118 min. OmU
„Italienisch für Anfänger... und Liebe für Loser.“ Sechs frustrierte Singles aus Kopenhagen treffen sich einmal die Woche beim Volkshochschulkurs. Sie pauken Italienisch und träumen von Liebe, Wärme, Venedig. Eine mysteriöse Reihe von Todesfällen rafft Familienangehörige und Bekannte dahin, ihren Kursleiter, der mitten unter der Stunde tot umfällt, gleich inklusive. Dass man darüber von Herzen lachen kann, gehört mit zum Verblüffendsten an dieser haarsträubenden Screwball Comedy, die ganz nach Lars von Triers filmischem Keuschheitsgelübde (Dogma 95) gestaltet ist: Handkamera, Originalton und schon steht dem wunderbar verhuschten Happy-End im sonnigen Süden nichts mehr im Weg.
5.7. Montag
I Was a Male War Bride
USA 1949. Regie: Howard Hawks. Mit Cary Grant, Ann Sheridan, Marion Marshall, Randy Stuart, William Neff, Kenneth Tobey. 105 min. OF
„Convulsingly zany stuff!“ Location: Germany. Damit Cary Grant, französischer Offizier, mit seiner Angetrauten, tough girl Ann Sheridan, weiblicher GI, in die Staaten reisen kann, muss er sich als Frau verkleiden – denn nur als Kriegsbraut erlaubt ihm das die lästige Militärbürokratie. Also schneidet die gewitzte Gemahlin im Hafen einem Pferd den Schwanz ab und macht Cary draus eine Perücke! „The whole idea“, so Regisseur Hawks„,was Cary Grant and Ann Sheridan got married and tried for six reels to get into bed and didn't make it until they passed the Statue of Liberty.“ Und zwischen all den one-liners und verrückten Situationen: ein kurzer, aber bewegender Auftritt des von den Nazis ins (britische) Exil vertriebenen Martin Miller als Professor Schindler.
6.7. Dienstag
Dark Victory
USA 1939. Regie: Edmund Goulding. Mit Bette Davis, George Brent, Humphrey Bogart, Geraldine Fitzgerald, Ronald Reagan. 104 min. OF
„The love story no woman will ever forget!“ Bette Davis war nie schöner und besser gekleidet als in diesem tear-jerker. Nachdem Judith Traherne, Long Island Erbin und Pferdenärrin, von ihrer unheilbaren Krankheit erfahren hat, stürzt sie sich in das Leben, stimmt im Nachtclub in den traurig-schönen Song über die verlorene Zeit ein: „Oh! Give me time for tenderness, one little hour from each big day. Oh! Give me time – to stop and bless the golden sunset of a summer day...“ Humphrey Bogart als ihr ergebener Pferdetrainer sieht ihr dabei zu, Ronald Reagan trinkt mit ihr, George Brent als ihr Chirurg berührt ihr Herz. Und als die Sonne dann besonders hell vom Himmel strahlt, spürt sie, dass es rund um sie immer dunkler wird: „It's funny, I can still feel the sun on my hands...“ Großes, anrührendes, unentrinnbares Melodram!
7.7. Mittwoch
Mon oncle
F 1958. Regie: Jacques Tati. Mit Jacques Tati, Jean-Pierre Zola, Adrienne Servantie, Alain Bécourt, Yvonne Arnaud. 110 min. Kein Dialog
Tatütata, Tati ist da! Monsieur Hulot, der Mann im kurzem Regenmantel, mit dem zu kleinen Hut, dem Schirm und der Pfeife, besucht seine gut situierten Verwandten daheim in ihrer High-Tech-Villa. Wie im frühen Kino, so ist auch hier alles auf Destruktion und Verhau aus; doch während Chaplin und seine Zeitgenossen gegen tückische Objekte kämpften, tritt Hulot gegen eine ganze Zivilisation an. Einen „Dokumentarfilm von morgen“ hat François Truffaut diese Komödie genannt, die „eine irre, alptraumhafte KZ-Welt“ entwirft. Der gesellschaftliche Erfolg wird als dekadente Tollheit entlarvt: Türen klappen vollautomatisch auf und zu, Stöckelschuhe geben wie ein Metronom den Takt vor, und selbst ein Dackel in kariertem Anzug ist nicht vor Tatis schwarzem Humor gefeit.
8.7. Donnerstag
The Resurrection of the Little Match Girl
Südkorea 2002. Regie: Jang Sun-Woo. Mit Im Eun-Kyung, Kim Hyeon-Seong, Kim Jin-Po, Jin Sing. 125 min. OmeU
Kiss kiss, bang bang ... Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, die populärste Märchenfigur von Hans Christian Andersen, ist hier der Star eines Videospiels: Doch statt wie vorgesehen still vor sich hin zu leiden und am Ende zu erfrieren, läuft es Amok und tritt zum Showdown gegen sein tragisches Schicksal an. Mit von der Partie ist Yu, ein Botenjunge, der ständig nur an der Spielkonsole hängt und plötzlich selbst durch den Cyberspace gejagt wird. Tron, Matrix und Tomb Raider, die Pate bei dem Film standen, werden mit sehr viel Gusto und bösem Humor verarscht. Zwei kampferprobte Spezialisten aus Hongkong, Daniel Yu und Raymond Fung, bürgen für die Qualität der Actionszenen dieser teuersten koreanischen Filmproduktion aller Zeiten.
9.7. Freitag
Breakfast at Tiffany's
USA 1961. Regie: Blake Edwards. Mit Audrey Hepburn, George Peppard, Patricia Neal, Buddy Ebsen, Mickey Rooney, Martin Balsam. 115 min. OF
„Moon River, wider than a mile, I'm crossing you in style some day...“ Fifth Avenue, sechs Uhr früh. Audrey Hepburn, im Abendkleid, steigt aus dem Taxi und bewundert die Preziosen in der Auslage des Nobeljuweliers „Tiffany's“. Das Glas des Schaufensters wirft ihr Bild zurück – sehen wir nun wirklich sie selbst oder das, was sie zu sein vorgibt? Drei Minuten ohne Dialog, ein Beginn so vielsagend und schillernd wie diese zeitlos-elegante Komödie insgesamt, die mit erfrischender Leichtigkeit vom durchaus hintergründigen Charakter der Kindfrau Holly Golightly erzählt, die hinter ihrer Fassade aus Naivität und Weltfremdheit eine große Souveränität und Unabhängigkeit verbirgt. „We're after the same rainbow's end, waitin' 'round the bend, my huckleberry friend, Moon River... and me...“
10.7. Samstag
Tribute to Ray Harryhausen: King Kong
USA 1933. Regie: Merian C. Cooper, Ernest B. Schoedsack. Mit Fay Wray, Robert Armstrong, Bruce Cabot, Frank Reicher, Sam Hardy. 103 min. Omd/fU
„The strangest story ever conceived by man!“ Ein Riesenaffe in New York, ein Stück Natur vom Menschen vergewaltigt und in der Zivilisation zum Ungeheuer gemacht. 13 Jahre alt ist Ray Harryhausen, als er King Kong zum ersten Mal sieht – „and I haven't been the same since.“ Als er den genialen Trickspezialisten des Films, Willis O'Brien, später kennenlernt und mit ihm zusammenarbeitet (bei Mighty Joe Young, 1949), erfüllt sich für ihn ein Traum: „Kong ist noch immer ein Klassiker der Fotomontage und Animation. O'Brien nahm sich Gustave Doré zum Vorbild, dessen Stiche eine bemerkenswerte Begabung für das Dramatische erkennen lassen. Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie in Kong viel von 'Paradise Lost' und anderen Büchern entdecken, die er illustriert hat.“
11.7. Sonntag
Ray Harryhausen: Earth vs. the Flying Saucers
USA 1956. Regie: Fred F. Sears. Mit Hugh Marlowe, Joan Taylor, Donald Curtis, Morris Ankrum, Tom Browne Henry. 82 min. OF
„Warning! Take cover! Flying saucers invade our planet! Washington, London, Paris, Moscow fight back!“ Wenn man Fremdlinge aus dem Weltall mit Gewehrfeuer „begrüßt“, darf man sich natürlich nicht wundern, wenn sie unfreundlich reagieren, der Erde den Krieg erklären und, bevor sie schließlich doch den Kürzeren ziehen, noch schnell das Capitol, das Washington Monument und andere nationale Wahrzeichen dem Erdboden gleichmachen. „Damit die fliegenden Untertassen etwas hermachen“, erinnert sich Harryhausen„,mussten wir die Kameras sehr nahe an die Miniaturmodelle, die oft nur 12-15 cm Durchmesser hatten, heranrücken – und weil man die Drähte, die die Modelle hielten, dann sehen konnte, musste ich sie Kader für Kader aus dem Film retuschieren.“ Das Ergebnis: atemberaubend!
12.7. Montag
Topsy-Turvy
UK 1999. Regie: Mike Leigh. Mit Allan Corduner, Jim Broadbent, Lesley Manville, Timothy Spall, Katrin Cartlidge. 160 min. OmU
„Mich amüsierte die Vorstellung, mich samt den übrigen Lemmingen von der Klippe zu stürzen und einen Kostümfilm zu drehen.“ Topsy-Turvy (deutsch: Kuddelmuddel) findet Mike Leigh, den Chronisten der britischen Lowerclass, auf ungewohntem Terrain: dem London des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Gilbert und Sullivan, das erfolgreiche Operettenduo, sind nach dem mäßigen Erfolg ihres letzten Stückes sowohl professionell als auch privat an einem Tiefpunkt angekommen. Der eine treibt sich in Bordellen herum, der andere vernachlässigt seine Frau; unvermeidbare Konflikte zwischen Kunst und Kommerz geben ihnen den Rest. Was den Regisseur daran gereizt hat: „Das bonbonfarbene Thema anzukratzen.“ Sprach’s und schuf ein Meisterwerk.
13.7. Dienstag
La sirène du Mississippi
F/I 1969. Regie: François Truffaut. Mit Catherine Deneuve, Jean-Paul Belmondo, Michel Bouquet, Nelly Borgeaud, Marcel Berbert. 124 min. OmU
„Vielleicht glaubst du mir nicht – aber es gibt viele Dinge, die unglaublich und doch wahr sind.“ Belmondo ist Zigarettenfabrikant auf der Insel Réunion. Er heiratet die Betrügerin Catherine Deneuve, die sich alsbald mit seinem Geld aus dem Staub macht. Und jetzt amour fou: Er trifft sie wieder, verliebt sich wirklich in sie, bringt den Detektiv um, den er zuvor beauftragt hat und der jetzt viel zu viel weiß, und beide flüchten über alle und in die Berge. Alles weiß vor Schnee. „Dein Gesicht ist wie eine Landschaft“, sagt Louis zu Marion in diesem Film, „der wie kein anderer zuvor das wunderbare Gesicht von Catherine Deneuve zu einer Landschaft werden lässt, zu Ebenen, Seen, Gebirgen, Kratern, im Morgenlicht, in der Dämmerung, am hellichten Tag, in der Nacht.“ (Wim Wenders).
14.7. Mittwoch
Ray Harryhausen: The Beast From 20,000 Fathoms
USA 1953. Regie: Eugène Lourié. Mit Paul Christian (= Paul Hubschmid), Paula Raymond, Cecil Kellaway, Kenneth Tobey, Lee Van Cleef. 80 min. OF
„King of prehistoric sea giants – raging up from the bottom of time!” Ein Atombombenversuch am Nordpol erweckt einen „Rhedosaurus“ zu neuem Leben; im Hafen von New York steigt er an Land, verwüstet halb Manhattan und kann schließlich im Vergnügungspark von Coney Island mittels einer „radioaktiven Harpune“ vernichtet werden. Chris Neumer: „Einmal greift sich das Monster einen Polizisten – ich nehme an, der Schauspieler befand sich auf einem Turm und Sie haben die Bestie vor ihn gestellt – das war unglaublich exakt synchronisiert – und gleich beim ersten Take!“ Harryhausen (lacht): „It does take good timing. Da muss man jeden Kader, was die Bewegungen betrifft, einzeln analysieren, so dass der Kopf des Monsters genau so schnell in die Höhe geht wie der Polizist auf seinem Draht.“
15.7. Donnerstag
Blessing Bell
J 2002. Regie: Sabu. Mit Susumu Terajima, Naomi Nishida, Itsuji Itao, Seijun Suzuki. 87 min. OmU
Stranger than Paradise. Irrwitz und Zufall spielen die Hauptrollen in dieser Komödie. Igarashi, ihr Held, sieht aus wie Buster Keaton in einem Film von Jim Jarmusch. Seit er seinen Job in der Fabrik verloren hat, läuft er schweigend immer weiter: von einem Unglück ins nächste. Er begegnet einer Frau, die ihren Mann betrügt, einem lebensmüden Yakuza, einer Mutter, deren Kids in einem brennenden Appartement eingeschlossen sind, und einem sterbenden Mann. Und schließlich ist da noch die Sache mit dem Jackpot im Lotto... „I thought this was a riot”, bemerkte ein Kritiker treffend – „but if you’re not a fan of elliptical humor you’ll have more fun watching paint dry.”
16.7. Freitag
City of God
BRA/F/USA 2002. Regie: Kátia Lund, Fernando Meirelles. Mit Alexandre Rodrigues, Luis Otávio, Matheus Nachtergaele. 128 min. OmU/fU
City of God has a lot more dazzle than social realism is known for.” Von der Kritik als Brasiliens überzeugende Antwort auf Scorsese und Tarantino gefeiert, zeichnet dieser Film die dramatische Entwicklung der Drogenkriminalität und Straßenbanden in den Favelas von Rio de Janeiro seit den Sechzigerjahren nach. Buscape, ein Jugendlicher, der sich dem mörderischen Kreislauf entzogen und den Revolver gegen eine Kamera eingetauscht hat, dokumentiert das Geschehen rundum mit der Akribie eines teilnahmslosen Zuschauers: Wo der Tod wahllos zuschlägt, macht auch das Leben keinen Sinn mehr. Ein vor Energie strotzender, vibrierender Samba der Gewalt. Nonstop Action.
17.7. Samstag
The Pink Panther
UK/USA 1963. Regie: Blake Edwards. Mit Peter Sellers, David Niven, Claudia Cardinale, Capucine, Robert Wagner, Brenda De Banzie. 113 min. OF
„You only live once – so see The Pink Panther twice!“ Blöde Gschicht, wenn man als Inspektor der Sureté einen als „Phantom“ berühmt gewordenen Juwelendieb jagt – und vor lauter Übereifer nicht mitbekommen hat, dass dieser der Liebhaber der eigenen Gemahlin ist! Und der galante Ganove, ein echter Sir (David Niven), macht sich auch an eine echte Prinzessin (Claudia Cardinale) heran und diese mit Champagner betrunken: „If I were my father, I'd have you tortured.“ – „No. If you were your father, I doubt very much if I would have kissed you.“ Mit anderen Worten: ein herzerfrischend alberner, slapstickreicher Klassiker der crazy comedy.
18.7. Sonntag
The Killing of a
Chinese Bookie
USA 1976. Regie: John Cassavetes. Mit Ben Gazzara, Timothy Carey, Seymour Cassel, Azizi Johari, Meade Roberts, Alice Friedland. 108 min. OmU
„I'm a club owner. I deal in girls.” Cosmo Vitelli ist Nachtclubbesitzer am Sunset Strip in L.A. Als er 23.000 Dollar verspielt, zwingen ihn die Gangster, einen chinesischen Buchmacher zu ermorden. Cosmo richtet ein Blutbad an und wird selbst verwundet; er lässt die Kugel in seinem Bauch stecken. Alles erzählt in bezwingender Beiläufigkeit ohne dramatisierende Spannungselemente, voll Abscheu gegen jedes Spannungselement des Genres, fast schmerzhaft in der vorgeführten Gleichgültigkeit mit der Ben Gazzara seinen eigenen Tod erwartet und entgegennimmt. Cassavetes: „Dieser Mann ist ein Mensch, der allen gefallen will und sich selbst vorspielt, mit der Gesellschaft und der ihm aufgezwungenen Rolle völlig einverstanden zu sein. Er passt sich an, nur um akzeptiert zu werden, und so lebt er an allem vorbei – sogar an seinem eigenen Tod.“
19.7. Montag
Ray Harryhausen: Jason and the Argonauts
UK 1963. Regie: Don Chaffey. Mit Todd Armstrong, Honor Blackman, Gary Raymond, Nancy Kovack, Laurence Naismith, Niall McGinnis. 104 min. OF
„The epic story that was destined to stand as a colossus of adventure!“ Purpurflügelige Vogelmenschen, die siebenköpfige Hydra, der bronzene Riese Talos: Jason, der junge Krieger, begegnet ihnen allen auf seiner Reise ans andere Ende der Welt, wo er das legendäre, wundersame Goldene Vlies erobern soll. Unvergesslich: die Schlacht seiner tapferen Getreuen gegen eine Armee heimtückischer Skelette – eine der spektakulärsten Tricksequenzen der Filmgeschichte. Menschlichen Doubles wurden zwecks leichterer Identifizierung Zahlen auf den Rücken montiert und Harryhausen verbrachte dann viereinhalb Monate (!) in seinem Studio, um ihre Bewegungen auf seine Modell-Skelette zu übertragen.
20.7. Dienstag
Bande à part
F 1964. Regie: Jean-Luc Godard. Mit Anna Karina, Claude Brasseur, Sami Frey, Louisa Colpeyn, Ernest Menzer, Chantal Darget. 95 min. OmeU
„A film about a girl and a gun!” Pariser Vorstadt. Eine junge Frau zwischen zwei Männern – und alle drei legen im Café einen Madison hin, Modetanz der frühen 60er, dass es nur so scheppert: da ein Hüpfer, dort ein Klatschen und ein gscheiter Stampfer drüben im anderen Eck. Szenen wie diese schreiben Filmgeschichte – wie auch der gemeinsame Blitzbesuch im Louvre, „zwei Sekunden kürzer als der amerikanische Rekord von neun Minuten und 45 Sekunden!“ Bande à part zeigt Godard von seiner heitersten Seite: eine Gangsterfilmparaphrase mit ironisch-distanziertem Kommentar, Zitaten und Sprachspielen, „als ob ein französischer Poet einen banalen amerikanischen Kriminalroman hernimmt und uns diesen mit den Begriffen von Romantik und Schönheit erzählt, die er zwischen den Zeilen gelesen hat.“ (Pauline Kael).
21.7. Mittwoch
I Walked With a Zombie
USA 1943. Regie: Jacques Tourneur. Mit Frances Dee, Tom Conway, Christine Gordon, James Ellison, Edith Barrett, James Bell. 69 min. OF
„She's alive – yet dead! She's dead – yet alive!“ Nächtliche Überfahrt, Sterne funkeln im Meer. „Millionen winziger toter Körper lassen es glitzern“, erklärt der melancholisch-verbitterte Zuckerrohrpflanzer der Krankenschwester, die er für seine leidende Frau engagiert hat. „There is no beauty – only death and decay.“ Eine Insel im Indischen Ozean, unergründlich, durchzogen von Nebel und unendlichen Schatten, die die Räume durchschneiden und die Angst und Trauer beschreiben, die in ihnen herrscht. Falsche Ahnungen, falsches Vertrauen: Nichts steht auf sicherem Grund, aus dem Nichts entsteht eine von ekstatischen Voodootrommeln angetriebene Bewegung purer Schönheit. „A horrible title“, meinte Tourneur, Schöpfer von Meisterwerken wie Cat People und Out of the Past, „but the best film I've ever done in my life.“
22.7. Donnerstag
Spring, Summer, Fall, Winter ... and Spring
Südkorea/D 2003. Regie: Kim Ki-Duk. Mit Oh Yeong-Su, Kim Ki-Duk, Seo Jae-Gyeong, Kim Yeong-Min. 103 min. OmU
„Mir ist nicht wichtig, wie viele Leute meine Filme sehen, mir ist wichtig, wer sie sieht.“ Kim Ki-Duk, bislang als Regisseur actionreicher Schocker wie The Isle bekannt, schildert in Spring, Summer, Fall, Winter... and Spring Episoden aus dem Leben eines buddhistischen Mönches. Mit den Jahreszeiten vollzieht sich der Wechsel von der Kindheit über die Jugend und Mannesreife bis zum hohen Alter. Wie ein langer, ruhiger Fluss zieht der Film mit seinen grandios schönen Bildern vorbei, „sublime, witty and transcendental“ (Variety). Eine durch und durch stimmige Parabel, die von dem unbeirrbaren Glauben des koreanischen Meisterregisseurs zeugt, die Welt sei doch noch zu retten...
23.7. Freitag
The Cameraman
USA 1928. Regie: Edward Sedgwick, Buster Keaton. Mit Buster Keaton,
Marceline Day, Harold Goodwin, Sidney Bracy, Harry Gribbon.
69 min. Stumm
„Meine Schwester liebt den Buster, liebt den Keaton, und sie sieht'n
in jedem Mann. Alle Männer sind nur Nieten gegen Keaton, und sie sieht'n sich täglich an.“ Singt Friedrich Holländer 1928 über den Komiker mit dem frozen face, der im Cameraman, betört vom Duft einer Frau, vom Strassenfotografen zum Wochenschaukameramann mutiert und flugs zwischen die Fronten eines Bandenkriegs in Chinatown gerät. Natürlich findet er, der Erfindungsreiche, wie immer einen Ausweg aus der Katastrophe und doch noch den Weg ins Herz der geliebten Sally. „Alle Männer sind nur Rester gegen Buster, und sie schwärmt für ihn von Neujahr bis Sylvester! Meine Schwester liebt den Buster, liebt den Keaton, und sie zieht'n dem Chaplin vor!“
24.7. Samstag
Tommy
UK 1975. Regie: Ken Russell. Mit Roger Daltrey, Ann-Margret, Oliver Reed, Elton John, Tina Turner, Keith Moon, Jack Nicholson. 111 min. Omd/fU
„Your senses will never be the same!” Kein Wunder, wenn Seifenschaum, Bohnen und Schokoladesirup aus dem Fernsehapparat quellen, mit reichem, vollem Schwalle über Ann-Margret sich ergießen und diese sich in selbstvergessen-orgiastischer Ekstase darin weidet. John Moore: „Do you have fond memories of filming Tommy?” Ann-Margret: „Are you kidding?” Den allseits bekannten Rockopern-Soundtrack stellen The Who: „That deaf, dumb and blind kid sure plays a mean pinball!” Natürlich ist Roger Daltrey für die Titelrolle ein bisserl alt – so what, dafür gibt's Tina Turner als Acid Queen und alles ist knallbunt und laut und Vincent Canby in der New York Times hat auch einmal recht: „Tommy is to movies what a jukebox is to furniture.”
25.7. Sonntag
Nostalghia
UdSSR/I/F 1983. Regie: Andrej Tarkowski. Mit Oleg Jankowski, Erland Josephson, Domiziana Giordano, Patrizia Terreno, Delia Boccardo.
125 min. OmeU
„Beautiful, strange, powerful, haunting!“ Ein Mann aus Moskau bereist Italien, auf den Spuren eines russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, dessen Biografie er schreiben will: eine Reise ins Innere der Seele, begleitet und durchdrungen von Erinnerungen und Visionen, Bildern, Motiven und Zitaten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. „Tückisches Gelände betritt er, wohin er sich wendet. Innenräume werden zu Schlammlandschaften, Bäche zu Spiegeln von Gaukelbildern. Das Wasser tropft und sprudelt allerorten wie ein Klangteppich, den ein Ungeborener hören mag.“ (Karsten Witte) Und am Schluss steht eine gewaltige Vision, in der der Reisende nach all seinen Mühen Erlösung findet – eine der schönsten, eindringlichsten Szenen der Filmgeschichte.
26.7. Montag
La ronde
F 1950. Regie: Max Ophüls. Mit Adolf Wohlbrück, Simone Signoret, Serge Reggiani, Simone Simon, Daniel Gelin, Danielle Darrieux. 97 min. OmeU
„Und ich, was bin ich in dieser Geschichte?“ Adolf Wohlbrück, Exilant aus Wien, steigt aus dem Nebel auf eine Bühne, hinter ihm aufgemalter Sternenhimmel über Wien mit der Silhouette des Stephansdoms. „Doch wo sind wir hier? Auf einer Bühne? Im Studio. Wir sind in Wien – im Jahre 1900.“ Kostümwechsel in Frack und ZylinderDie Sonne geht auf im Atelier, Oscar Straus' berühmter Walzer hebt an, Wohlbrück umkreist singend ein Ringelspiel, dem Dirne Simone Signoret entsteigt, die den Soldaten, der das Dienstmädchen, die den jungen Herren, der die verheiratete Dame... Das böse, vielfach gebrochene Spiel nach Arthur Schnitzlers Reigen der Verführung kann beginnen. Es ist Nacht geworden. Eigentlich, so Ophüls, Exilant aus Saarbrücken, hätte er für seine Wiener Filme, entstanden in Berlin, Paris und Hollywood, schon ein kleines Denkmal irgendwo auf dem Ring verdient.
27.7. Dienstag
Die Legende von Paul und Paula
DDR 1973. Regie: Heiner Carow. Mit Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Heidemarie Wenzel, Fred Delmare, Rolf Ludwig. 105 min. OF
„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit.“ Singen die Puhdys in Plenzdorfs Geschichte von der stürmischen Liebe zwischen der alleinerziehenden Mutter Paula und dem unglücklich verheirateten Staatsangestellten Paul: lebensnahe Figuren, deren Sehnsüchte und Probleme, das Streben nach privatem Glück im Sozialismus, dem Publikum nicht fremd waren. Und dem SED-Apparat missfielen: „Überall waren die Vorstellungen ausverkauft“, so Regisseur Carow, „überall wurde Angelica Domröse gefeiert. Wir machten eine Premierenreise durchs Land, wurden zu den sogenannten Schwerpunkten des Sozialismus geschickt, damit man uns gründlich die Meinung sagt. Aber die bestellten Kritiker, die die Diskussion in die 'richtige Bahn' lenken sollten, wurden ausgepfiffen oder ausgelacht.“
28.7. Mittwoch
Ray Harryhausen: It Came From Beneath the Sea
USA 1955. Regie: Robert Gordon. Mit Kenneth Tobey, Faith Domergue, Donald Curtis, Ian Keith, Harry Lauter, Chuck Griffiths. 80 min. OF
„Out of primordial depths to destroy the world!“ Atombombenversuche machen aus einer Krake ein gigantisches Monster – und das taucht aus dem Meer auf, um San Francisco zu vernichten. Gino Sassani: „Aus Budgetgründen fehlen dem Octopus ein paar Fangarme...“ Harryhausen: „Ja, es war ein Sextapus! Hätten wir noch mehr sparen müssen, wär's wohl ein Dreifüßler geworden...“ – „Sie mussten auch zu Guerilla-Methoden des Filmemachens greifen...“ – „Ja, als wir auf der Golden Gate Bridge drehen wollten, waren die Stadtväter dagegen, weil sie meinten, ihre Zerstörung durch einen Octopus könnte das Vertrauen der Öffentlichkeit in dieses Wahrzeichen erschüttern. Also filmten wir die Hintergründe einfach aus dem Lieferwagen einer Bäckerei heraus, mit dem wir auf der Brücke hin und her fuhren.“
29.7. Donnerstag
Accordion Tribe
A/CH 2004. Regie: Stefan Schwietert. Mit Guy Klucevsek, Otto Lechner, Maria Kalaniemi, Bratko Bibic, Lars Hollmer. 87 min. OmU
Fünf berühmte AkkordeonistInnen reisen 2002 als „Accordion Tribe“ durch Europa, begleitet vom Schweizer Filmemacher Stefan Schwietert. Die mitreissende Atmosphäre und der Spaß, den die MusikerInnen dabei haben, teilen sich dem Zuschauer mit, nicht zuletzt durch die Kommentare Otto Lechners, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen. Akkordeon – das ist hier mehr als Polka. Ein virtuoses Zusammenspiel von hoher emotionaler Intensität entfaltet sich.“Ich besuchte die Musiker zu Hause in Wien, Slowenien, Finnland, Schweden und New York und lernte fünf Künstler kennen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder hatte seine ganz eigene Akkordeonmusik entwickelt, beeinflusst von den verschiedenen Temperamenten und Heimatländern..“
30.7. Freitag
Blow-Up
UK/I 1966. Regie: Michelangelo Antonioni. Mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, John Castle, Peter Bowles, Jane Birkin. 111 min. OmU
„Don't let's spoil everything, we've only just met.” – „No, we haven't met. You've never seen me.” Swinging London. Die Yardbirds rocken einen Club: ein rarer gemeinsamer Auftritt der Gitarrenheroen Jeff Beck & Jimmy Page. Thomas, Modefotograf, kauft sich einen riesigen Propeller und tut sich schwer, ihn in seinem offenen Rolls Royce zu verstauen. Später glaubt er, auf einem Foto, das er im Park geschossen hat, im Hintergrund einen Mord zu erkennen. Und wenn sie nicht Tennis spielen, dann spielen sie noch heute, die StudentInnen, die ein imaginäres Match mimen, bei dem der Ball unsichtbar hin- und herfliegt, ehe Thomas und wir bizarrerweise ein echtes Aufschlaggeräusch hören können – und der „Held“ beinahe zu verschwinden droht. „In a world without film”, wurde Antonioni einmal gefragt, „what would you have made?”. Seine Antwort: „Film.“
31.7. Samstag
Y tu mamá también
MEX/USA 2001. Regie: Alfonso Cuarón. Mit Diego Luna, Gael Garcia Bernal, Maribel Verdù.105 min.OmU
„A genuine rarity: a sex comedy with brains.“ Julio und Tenoch, zwei Freunde, die alles im Leben miteinander teilen, machen sich mit Luisa, einer Spanierin, auf Spazierfahrt an einen Strand namens Boca del cielo (Himmelsmund): Jenen mythischen, flüchtigen Nicht-Ort, an dem Unschuld, Sexualität, Freundschaft unter Teenagern ein letztes Mal zusammenkommen. Regisseur Cuarón, der sein Glück zuvor in Hollywood versucht hatte, landete mit Y tu mamá también den größten Hit des mexikanischen Kinos seit etlichen Jahren. Eine geballte Ladung an Hormonen und spielerischem Machismo, die mehr über Lust und Frust des Erwachsenwerdens erzählt als ein Dutzend amerikanischer Teenie-Komödien... Sexy, very sexy.
1.8. Sonntag
The Black Cat
USA 1934. Regie: Edgar G. Ulmer. Mit Bela Lugosi, Boris Karloff, David Manners, Jacqueline Wells, Lucille Lund, Egon Brecher. 65 min. OF.
„The absolute apex of the super-shivery!“ Auf den Ruinen von Fort Marmaros, inmitten von blutgetränkten Schlachtfeldern, hat Hjalmar Poelzig (Boris Karloff), „one of Austria's greatest architects“, sich eine ultramoderne Villa ganz in Art deco gebaut. Es ist Nacht, ein grausiges Unwetter bringt ein neuvermähltes Paar und Titus Werdegast (Bela Lugosi), „one of Hungary's greatest psychiatrists“,an sein Tor... Unvergesslich Karloffs „Auftritt“, als er sich im Gegenlicht hinter einem Gazevorhang wie in Zeitlupe aus seinem Bett erhebt; oder seine suggestive Frage an den tödlichen Feind aus dem Off, während die Kamera durch den Keller des Grauens schweift: „Are we not both the living dead?“ Ein merkwürdiger Höhepunkt des Horrorfilms, und einer der besten von Kult-Regisseur Edgar Ulmer aus dem alten Österreich.
2.8. Montag
The Man Without a Past
FIN/D/F 2002. Regie: Aki Kaurismäki. Mit Markku Peltola, Kati Outinen, Juhani Niemelä, Kaija Pakarinen. 97 min. OmU
„Gottes Gnade waltet im Himmel, aber hier auf Erden muss sich jeder selber helfen.“ Also richtet sich’s M, der nach seiner Wiederauferstehung alles, sogar seinen Namen vergessen hat, gemütlich in einer Baracke ein, baut am Mistplatz nebenan Erdäpfel an, bekehrt die Musiker von der Heilsarmee zum finnischen Rock’n’Roll und lernt die Liebe seines Lebens kennen. „Ich hatte eigentlich gar keine Idee“, so Kaurismäki über sein jüngstes Meisterwerk: „Im Grunde habe ich nur einen alten Trick aus den meisten meiner Filme angewendet: Ein Mann aus dem Norden kommt in die Hauptstadt, nach Helsinki. Raymond Chandler, der Krimiautor, hatte einen ähnlichen Kniff. Er sagte: Wenn du mit deiner Story nicht weiter kommst, nimm einen Mann und lass ihn mit einem Revolver in ein Zimmer laufen. Dann passiert garantiert etwas.“
3.8. Dienstag
The Ladykillers
UK 1955. Regie: Alexander Mackendrick. Mit Alec Guinness, Cecil Parker, Herbert Lom, Peter Sellers, Danny Green, Katie Johnson. 97 min. OF
„One of the best dark comedies ever!“ Nie klingelt irgendjemand an der Tür der alten Mrs. Wilberforce, die mit ihrem Papagei zusammenlebt und gerade einsam ihren nachmittäglichen Tee einnimmt – bis ein stattlicher Gentleman mit strähnigem Haar seine Aufwartung macht: „Hello. I understand you have rooms to let.“ Und Alec Guinness lächelt liebenswürdig durch einen Haufen falscher Zähne, die ihn überdeutlich als sinistren Gesellen ausweisen. Mit vier „Kollegen“ zieht er als Streichquintett (!) bei Mrs. Wilberforce ein – und bald stehen die Ganoven vor dem Problem, die Mitwisserin ihres großen Coups aus dem Weg räumen zu müssen. Extra dry, schwarzer Humor vom Allerfeinsten, ein zeitloser Klassiker des britischen Kinos.
4.8. Mittwoch
Un chien andalou
F 1929. Regie: Luis Buñuel. Mit Simone Mareuil, Pierre Batcheff, Luis Buñuel, Salvador Dali. 16 min. stumm
L'age d'or
F 1930. Regie: Luis Buñuel. Mit Gaston Modot, Lya Lys, Caridad de Laberdesque, Max Ernst. 60 min. OmeU
„Dieser Film soll in der Hand seiner Gegner explodieren!“ Un chien andalou: Die Logik des Alptraums, die Wirklichkeit des Unbewussten, traumartige, verbotene Bilder – legendär das Aufschlitzen eines Augapfels in Großaufnahme. Vermoderte Skelette in bischöflichem Ornat in L'age d'or: noch ein surrealistisch-anarchischer Schocker, eine wilde, leidenschaftliche Attacke gegen Kirche, Militär und Familie, „der einzige Film meiner Karriere, den ich in einem Zustand der Euphorie, voll Enthusiasmus und Zerstörungsrausch drehte, in dem ich die Vertreter der 'Ordnung' angreifen und ihre 'ewigen' Prinzipien lächerlich machen wollte.“ (Buñuel).
5.8. Donnerstag
Nosferatu
UK 1982. Regie: Peter Greenaway. Mit Anthony Higgins, Janet Suzman, Anne Louise Lambert, Hugh Fraser. 108 min. OF
„Das Geschehen ist mir ein völliges Rätsel“, behauptet Peter Greenaway, Enfant terrible des postmodernen Kinos, und lässt mit dem Titelhelden auch das Publikum in eine tödliche Falle tappen. Für eine fürstliche Gage soll Mr. Neville anno 1694 im Auftrag eines adeligen Herrn eine Serie von Gartenbildern anfertigen. Unwissentlich reproduziert der Zeichner in seinen maßstabsgetreuen Abbildungen die herrschende Gesellschaftsordnung gleich noch mit – ein „Fehler“, für den er teuer bezahlen muss. Detektivgeschichte, Murder-Mystery, barockes Sittenbild: Vor allem aber ist The Draughtsman’s Contract eine kinematographische Intrige, die jeden Spürhund an der langen Nase herumführt.
6.8. Freitag
The Graduate
USA 1967. Regie: Mike Nichols. Mit Dustin Hoffman, Anne Bancroft, Katharine Ross, Murray Hamilton, William Daniels. 105 min. Omd/fU
„This is Benjamin – he's a little worried about his future!“ Kalifornien, Land der ewigen Sonne. Benjamin, Sohn aus reichem Hause, wird von der reifen Mrs. Robinson verführt – und setzt dann alles daran, ihre Tochter Elaine zu heiraten. 1967 verändert sich etwas grundlegend im amerikanischen Kino, The Graduate, Bonnie and Clyde und Point Blank zeugen von der Ankunft des europäischen Autorenfilms der Truffaut, Godard, Fellini, Antonioni – Jump Cuts, exzentrische Kamerapositionen und Bildausschnitte, subjektive Kamera. Flashy, bunt und eklektisch, wird The Graduate nicht zuletzt dank der Songs von Simon and Garfunkel zu einem der erfolgreichsten Filme der sechziger Jahre. „And here's to you, Mrs. Robinson, Jesus loves you more than you will know...“
7.8. Samstag
Elephant
USA 2003. Regie: Gus Van Sant. Mit Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell, Jordan Taylor, Timothy Bottoms. 81 min. OmU
„An ordinary high school day. Except that it's not.“ Weiße Suburbs, middle America. Endlos gleitet die Kamera durch die Gänge und über den Campus der Schule, geht mit einem Schüler mit, dann mit einem anderen, weit sind die Wege, weit auseinander die klinisch sauberen Klassenzimmer, Speisesäle, Parkplätze, Sportanlagen – als müssten, um miteinander zu kommunizieren, Distanzen überwunden werden, die nicht zu überwinden sind. An diesem Herbstmorgen ereignet sich in Watt High ein Massaker wie jenes 1999 in Columbine High – und Gus Van Sant zeichnet es traumartig, schwerelos und aufgelöst in eine Vielzahl von Perspektiven nach. Was sich nicht erklären lässt, lässt sich manchmal umso genauer, poetischer beschreiben.
8.8. Sonntag
North by Northwest
USA 1959. Regie: Alfred Hitchcock. Mit Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Martin Landau, Leo G. Carroll. 136 min. OF
„The Master of Suspense presents a 3000-mile chase across America!“ Der gejagt wird, heißt Cary Grant alias Mr. Kaplan alias Roger O. Thornhill – und befindet sich, obwohl unbedarft und nichtsahnend, mit den schurkischen feindlichen Spionen in bester Gesellschaft: Irrwitzig sausen sie alle durch die Gegend(en), angetrieben von einer willkürlichen Logik, die jede „realistische“ Erzählweise mit Wonne ad absurdum führt. Bevor Cary Grant in der Wüste ausgerechnet in einem Weizenfeld Schutz sucht, hört man schon die Gefahr: „Da hinten kommt ein Insektenvernichtungsflugzeug“, meint lapidar ein Bauer, bevor er in den Bus einsteigt, „dabei gibt es hier doch gar keine Insekten zu vernichten.“ Hitchcock zu Truffaut: „Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion.“
9.8. Montag
Gosford Park
UK/D/I/USA 2001. Regie: Robert Altman. Mit Maggie Smith, Michael Gambon, Kristin Scott Thomas, Helen Mirren, Emily Watson, Stephen Fry, Alan Bates. 137 min. OmU
„Tea at four. Dinner at eight. Murder at midnight.“ England 1932. Am Landsitz derer von McCordle trifft man sich zu einer Jagdgesellschaft. Dunkle Geheimnisse, wohin man (nicht) schaut, Seitensprünge, Neid und Gier und allerlei Geschäftemacherei – und nicht nur die Verwandtschaft mischt kräftig mit, sondern auch die zahlreichen Bedienten, der schwule Entertainer Ivor Novello und ein jüdisch-amerikanischer Filmproduzent. Als der Hausherr ermordet wird, entwickelt sich aus der Beschreibung der Klassenverhältnisse ein formidables Whodunit à la Agatha Christie. „Nobody can stab a corpse and not know it.“ – „Really? When was the last time you stabbed a corpse?“
10.8. Dienstag
Topper
USA 1937. Regie: Norman Z. McLeod. Mit Cary Grant, Constance Bennett, Roland Young, Billie Burke, Alan Mowbray, Eugene Pallette. 97 min. Omd/fF
„Hey, George, is this 10:30 in the morning?“ – „No, this is Topper's bank.“
George & Marion Kerby sind reich, exzentrisch und ein bisserl verrückt – bis ein Verkehrsunfall die beiden ins Jenseits befördert. Damit sie in den Himmel kommen, müssen sie noch eine gute Tat begehen – und suchen sich dafür als Opfer den steifen, ängstlichen Bankier Cosmo Topper aus, , der sein Leben in den langweiligen Dienst seiner Bank und seiner Frau gestellt hat. Mal sichtbar, mal unsichtbar, treiben Grant und Bennett als glamouröse Engel den Armen in zahlreiche Verwicklungen und schier zur Verzweiflung. „You want me to drive in a car that looks like a painted Jezebel?“ fragt ihn die Gemahlin, als er den Wagen der Kerbys kaufen will. „Why, that would be like going to the opera in my nightgown!“
11.8. Mittwoch
Ray Harryhausen: The 7th Voyage of Sinbad
USA 1958. Regie: Nathan Juran. Mit Kerwin Matthews, Kathryn Grant, Richard Eyer, Torin Thatcher, Alec Mango, Danny Green. 87 min. OF
„8th wonder of the screen!“ Gehörnte Zyklopen, der doppelköpfige Riesenvogel Roch, die vierarmige Schlangenfrau, ein feuerspeiender Drache, ein fechtendes Skelett – im Stop-Motion-Verfahren zu prächtigem Leben erweckt von Ray Harryhausen: „Meine erste Zeichnung war Sindbad auf der Wendeltreppe im Kampf mit dem Skelett. Nun, würde James Bond sich mit einem Skelett duellieren, wäre das merkwürdig – aber Sindbad, das akzeptiert man, weil es eine Legende ist... Glücklicherweise hatten wir den Olympiafechter Enzo Musumeci-Greco, der mit Kerwin Matthews trainierte und in den Proben auch den Part übernahm, den später das animierte Gerippe übernehmen sollte. Dann filmten wir dasselbe noch einmal, diesmal ohne Enzo. Es brauchte viele Proben, bis die Augen der drei menschlichen Darsteller alle auf das 'imaginär' sich bewegende Objekt gerichtet waren.“
12.8. Donnerstag
Stupeur et tremblements
F/J 2003. Regie: Alain Corneau. Mit Sylvie Testud, Taro Suwa, Kaori Tsuji, Bison Katayama.107 min.OmU
Code unbekannt. Amélie versteht die Sprache, nicht aber die Hierarchien, die in einem japanischen Unternehmen wie Yumimoto herrschen. Schuldlos verstrickt sich die junge Belgierin, die ihre Kindheit in Tokio zugebracht hat, immer tiefer in immer unsinnigere Konflikte mit ihren Vorgesetzen. Sie redet zurück, fällt in Ungnade, wird degradiert. Am absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere, dem Etagen-Klo, angelangt, erfährt die aufmüpfige Europäerin plötzlich die Solidarität ihrer Kollegen: Sie boykottieren den Waschraum und weichen auf die in den anderen Stockwerken aus. Wie in den Films policiers, mit denen Alain Corneau berühmt wurde, darf man sich auch in Stupeur et tremblements nirgendwo sicher fühlen: Das stille Örtchen wird Brennpunkt des Culture Clash zwischen Ost und West!
13.8. Freitag
Punch-Drunk Love
USA 2002. Regie: Paul Thomas Anderson. Mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Guzmán, Jason Andrews. 95 min. OmU
„You are so beautiful. I love you so much I want to smash your face in with a sledgehammer!“ Barry Egan, einsam bis autistisch, hat eine kleine Firma, wird von seinen sieben Schwestern herumkommandiert, zuckt hin und wieder ein bisserl unkontrolliert aus. Da begegnet ihm die große Liebe – in Gestalt der geheimnisvollen Lena. „Punch-Drunk Love ist weniger eine Erzählung als vielmehr ein Gedicht“, so der begeisterte Lola rennt-Regisseur Tom Tykwer. „Oder eine Melodie; oder vielleicht gar ein abstraktes Gemälde, das sich 24-mal in der Sekunde verändert, narrativ so schlüssig wie ein Bild von Jackson Pollock (und ähnlich emotional mitreißend) – oder wie eins von Jeremy Blake, dessen amorphe Farbspiele Andersons Film ab und zu gänzlich auflösen.“
14.8. Samstag
Monty Python's Life of Brian
UK 1979. Regie: Terry Jones. Mit Grahan Chapman, John Cleese, Michael Palin, Eric Idle, Terry Jones, Terry Gilliam. 93 min. Omd/fU
„The film that is so funny it was banned in Norway!“ Die Heiligen Drei Könige irren sich in der Krippe: Nicht der Sohn Gottes liegt da vor ihnen und der keifenden Mutter, sondern ein gewisser Brian Cohen; einen Häuserblock weiter wohnt ein gewisser Jesus Christus. Am Ende singt Brian – „the boy next door that never made it“ – mit den anderen zur Kreuzigung Verurteilten den bekannten Welthit „Always look on the bright side of life“. Dazwischen kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus und die sechs gloriosen Montys spielen der Einfachheit halber alle Rollen selber, alt oder jung, Mann oder Frau. „Excuse me. Are you the Judean People's Front?“ – „Fuck off! We're the People's Front of Judea.“
15.8. Sonntag
The Wizard of Oz
USA 1939. Regie: Victor Fleming. Mit Judy Garland, Ray Bolger, Bert Lahr, Jack Haley, Frank Morgan, Billie Burke. 101 min. OF
„Gaiety! Glory! Glamour!“ Nur weg von den Erwachsenen, die überhaupt kein Verständnis für ihre Probleme haben: Dorothy, Bauernmädel aus Kansas, träumt von einem besseren Leben „behind the moon, beyond the rain“. Und singt davon: „Somewhere over the rainbow, way up high, there's a land that I've heard of, once in a lullaby... “ Ein Tornado transportiert sie in ein magisches Land – und das anfängliche Schwarzweiß des Films weicht dem buntesten Technicolor, das man sich vorstellen kann. Mit schnell gewonnenen Freunden – dem Mann aus Blech, der so gerne ein Herz hätte, der Vogelscheuche, der es buchstäblich am Hirn fehlt, und dem ängstlichen Löwen – macht sie sich auf der Yellow Brick Road auf zum berühmt-berüchtigten Zauberer von Oz. Judy Garland, Charme, Witz und mitreißende Songs: ein all-American classic.
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